- Widmung der symphonischen Dichtung "Tapiola" -

Da dehnen sich des Westlands Wälder, uralt, geheimnisvoll in wilden Träumen, Waldgeister weben in dem Dunkel.

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Montag, 8. November 2010

MEIN JAPANISCHES KINO - TEIL 2 - Die 1960er


- 1960er Jahre -

ONNA GA KAIDAN WO AGARU TOKI 9/10
Mikio Naruse (1960)


Neben Mizoguchi ist Mikio Naruse der zweite große Frauenregisseur des klassischen japanischen Kinos. Häufig im Schatten der großen Meister vergessen, hat Naruse einige interessante Frauenportraits geschaffen. Sein bester Film, unter denen die ich gesehen habe, ist WHEN A WOMAN ASCENDS THE STAIRS, der vor allem durch seine großartige Hauptdarstellerin Hideko Takamine und die beeindruckende Kameraarbeit Masao Tamais glänzt. Atmosphärisch zählt der Film zu den intensivsten Frauendramen die ich kenne.

TANIN NO KAO - THE FACE OF ANOTHER 9,5/10
Hiroshi Teshigahara (1962)


Teshigahara strebte in seinem vergleichsweise überschaubaren Gesamtwerk eine Kooperation mit Vertretern unterschiedlichster avantgardistischer Künste an. Dieser Film ist dafür ein faszinierendes Beispiel. Kōbō Abe verfasste die literarische Vorlage. Der bildende Künstler Tomio Miki schuf Ohr-Prothesen. Toru Takemitsu schrieb die Filmmusik. Der Architekt Arata Isozaki entwarf Teile der Kulissen innerhalb der Arztpraxis. Nach SUNNA NO ONNA mein zweitliebster Film von Teshigahara.

SUNNA NO ONNA - DIE FRAU IN DEN DÜNEN 10/10
Hiroshi Teshigahara (1964)


Ein surreales Meisterwerk, das mich immer wieder sprachlos macht! Wenn der Sand vom Wind und der avantgardistischen Musik Tōru Takemitsus getrieben wird, drohe ich in ihm zu versinken. Zeitloses Weltkino, das auch heute noch so frisch und stark wirkt wie am ersten Tag.

ONIBABA 9,5/10
Kaneto Shindō (1964)


Da werden Weiber zu Hyänen - Mit einfachsten Mitteln erschuf Shindō Kaneto eine seltsam vibrierende, sexuell aufgeladene Atmosphäre, in der der Mensch mit dem Schilfdschungel verschmilzt. Die aufreibenden Dreharbeiten beweisen, wie schon in seinem Film DIE NACKTE INSEL, dass auch mit geringem finanziellem Aufwand ein Meisterwerk möglich ist. Ein toller schweißtreibender Film.

KWAIDAN 8,5/10
Masaki Kobayashi (1964)


Nach der Sammlung traditioneller japanischer Geistergeschichten des Wahljapaners Lafcadio Hearn, schuf Masaki Kobayashi eine großartig stilisierte Bilderorgie von einem Episodenfilm, der erzählerisch aber nicht in allen Segmenten überzeugen kann. Vor allem die beeindruckende Farbästhetik und die düstere dichte Studioatmosphäre der Geistergeschichten weiß zu begeistern. Besonders hervorheben möchte ich die Episoden DIE SCHNEEFRAU und SCHWARZES HAAR, die ich als am gelungensten empfinde. 

ANSATSU - ASSASINATION  9,5/10
Masahiro Shinoda (1964)


Die Endzeit des Tokugawa-Shogunats - Japan ist ein politischer Hexenkessel. Stilistisch mit knappem Vorsprung mein Lieblings-nicht-Kurosawa-Chambara und ein  absoluter Meilenstein des Genres. Für das tiefere Verständnis sollten einem die Fallstricke der späten von Korruption zerfressenen Bakufu-Regierung und die sich in den 1860er Jahren virusartig unter jungen Samurai ausbreitende reaktionär-revolutionäre Euphorie geläufig sein.  Kinematographisch ist Shinodas Film eine Augenweide, die komplexe Handlung benötigt aber mehr als eine Sichtung. 

AKAHIGE - ROTBART 9,5/10
Akira Kurosawa (1965)


Rotbart gehört zu den häufig vergessenen Meisterwerken Kurosawas. Ein junger arroganter Mediziner der Edo-Zeit lernt am Vorbild des griesgrämigen Klinikleiters Rotbart, was es heißt ein richtiger Arzt zu sein. Dieses medizinische Ethik und menschliche Schicksale verbindene „Krankenhausdrama“ ist Toshiro Mifunes letzte Zusammenarbeit mit Kurosawa. Ich liebe wie die Kamera die Holzmaserung der Fußböden und Stützbalken streichelt, einfach toll. 

AKAI TENSHI - RED ANGEL 9/10
Yasuzo Masumura (1966)


In meinen Augen ist RED ANGEL Masumuras bestes und wichtigstes Werk. Ein großartiger Klassiker des Antikriegsfilms, der auf der Rasierklinge zwischen Exploitation und künstlerischem Drama tanzt, ohne in den Abgrund zu stürzen. Eine junge Krankenschwester wird an die chinesische Front versetzt und erlebt das Grauen der Hospitäler, abgeschnittene Gliedmaßen, verrohte vom Krieg seelisch und körperlich verkrüppelte Soldaten, die Frauen nur noch als Projektionsfläche ihrer Obsessionen wahrnehmen. Ein schrecklich schöner Film.

JOI-UCHI: HAIRYO TSUMA SHIMATSU - SAMURAI REBELLION 9/10
Masaki Kobayashi (1967)


Ein stolzer Samurai und sein Sohn widersetzen sich den unmenschlichen Befehlen ihres Daimyo und riskieren den blutigen Untergang ihrer Familie. Einmal mehr glänzt Toshiro Mifune in diesem neben HARAKIRI wichtigsten Chambara-Streifen Kobayashis. Furios instrumentalisiert die Kamera die Architektur von Häusern und Gartenanlagen für seine Narration. Außerdem bietet der Film einige tolle Schwertkampfchoreographien, so das auch der Actionfreund zu seinem recht kommt. Ein rundum gelungener düsterer Höhepunkt des Chambara-Genre.

BARA NO SORETSU - FUNERAL PARADE OF ROSES 9/10
Toshio Matsumoto (1969)


Ein avantgardistischer Experimentalfilm, der Spielszenen mit Interviewpassagen mischt und vor keiner noch so schrägen psychedelischen Einlage zurückschreckt. Ein wahrhaft orgiastischer visueller Rausch. Als heterosexueller Mann sollte man(n) jedoch, um diesen Trip in die Tokioer Schwulenszene genießen zu können, an keiner Homophobie leiden. 

Kommentare:

  1. Wieder mal eine sehr gelungene Liste. Bei Teshigahara bin ich unsicher, ob ich OTOSHIANA oder TANIN NO KAO genommen hätte (SUNA NO ONNA ist auch bei mir fest gesetzt), bei Kobayashi hätte ich vielleicht HARAKIRI statt SAMURAI REBELLION genommen.

    Drei der Filme kenne ich noch nicht. Stattdessen wären bei mir noch ein weiterer Shinoda auf der Liste, wobei der kühne DOUBLE SUICIDE knapp vor PALE FLOWER gewinnt; außerdem Imamuras ebenso faszinierender wie frustrierender A MAN VANISHES sowie Yoshidas EROS UND MASSAKER, der es an erzählerischer Komplexität locker mit ANSATSU aufnehmen kann.

    Kleine Korrektur: DIE NACKTE INSEL war keineswegs Shindos Erstling, sondern wäre sogar beinahe sein letzter Film geworden, oder zumindest sein letzter unabhängig produzierter. Shindo gründete um 1950 mit ein paar Mitstreitern eine eigene Produktionsfirma und war damit einer der Pioniere, die sich außerhalb des Studiosystems stellten. In den 50er Jahren drehte er damit ungefähr 15 Filme, die meisten schon mit Nobuko Otowa, darunter DIE KINDER VON HIROSHIMA. 1960 stand seine Firma vor der Pleite, und gerade deshalb nahm er bei DIE NACKTE INSEL keinerlei kommerzielle Rücksichten. Der überraschende Erfolg des Films, auch im Ausland (er gewann einen Preis in Moskau und lief auch in Westeuropa), rettete die Firma und ermöglichte Shindos weitere Karriere als Regisseur (als Drehbuchautor war er ohnehin vielbeschäftigt).

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  2. @ Manfred Polak

    Die von dir erwähnten Filme kenne ich noch nicht alle. Die Liste könnte sich also noch in Zukunft in manchem Punkt ändern.

    Bezüglich der NACKTEN INSEL und Shindo hast du natürlich vollkommen recht.

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  3. Danke für diese Liste, da steckt so einiges drin, das ich mir ansehen muss/will/werde!

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