- Widmung der symphonischen Dichtung "Tapiola" -

Da dehnen sich des Westlands Wälder, uralt, geheimnisvoll in wilden Träumen, Waldgeister weben in dem Dunkel.

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Dienstag, 19. Oktober 2010

BATTLE ROYALE – oder - Ein Kultstreifen aus der Staubhölle (3/10)


So ein Umzug ist schon eine scheußliche Sache, 
alles kommt durcheinander und nichts findet man wieder.


Neulich versuchte ich Ordnung in mein umzugsbedingt durcheinander geratenes DVD-Regal zu bringen. Mich durch dicke Staubschichten kämpfend, drang ich dabei in lange vergessene Regionen meiner Sammlung vor. Neben verschollen geglaubten Schätzen, tritt dabei aber auch die eine oder andere Enttäuschung zu Tage.  Ein besonders trauriges Beispiel dieser Kategorie ist für mich BATTLE ROYALE. Wie bei "Kultfilmen" üblich, verbreitet sich ihr Ruf als "Geheimtipp" rasend schnell im WWW und wer sich in seinem Egozentrismus dazu versteigt zur Cineasten-Avantgarde zählen zu wollen, muss auf den fahrenden Zug aufspringen. Nach langem Zögern erlag auch ich der Versuchung. 
Ich weiß nicht ob sich noch alle daran erinnern, aber damals als BR in Deutschland veröffentlicht wurde, kochte das Thema Gewalt an Schulen, aus traurigem aktuellen Anlass, hoch und die üblichen Verdächtigen, gewaltverherrlichende Videospiele, Musik und Filme, zu laxe Waffengesetze, wurden in den Leitmedien an den Pranger gestellt. Die Sensorik von FSK und USK war entsprechend des aufgeregten gesellschaftlichen Diskurses besonders sensibilisiert. Schüler die Schüler auf möglichst abwechslungsreiche Weise abschlachten, dieses Werk hatte allein aufgrund seiner Thematik, unabhängig vom tatsächlich dargestellten Gewaltlevel, keine Chance auf Gnade in den Gremien der Filmwächter. So gelangte zunächst nur eine stark verstümmelte DVD auf den deutschen Markt, bevor dann (beinahe unbemerkt) eine juristisch geprüfte Uncut-Fassung nachgeschoben wurde. Als mündiger Bürger wollte ich mir natürlich eine eigene Meinung bilden und beschaffte mir deshalb diese zweite Fassung. 


Der geradezu legendäre Ruf der BR vorauseilte ließ meine Erwartungen entsprechend in die Höhe schnellen. Der Film solle, so hieß es, neben seiner großartigen Action einen kritischen Diskurs über Gewalt anstoßen und auch kinematographisch voll überzeugen, also ein von spießigen Bildungsbürgern verkanntes Meisterwerk. 
Doch wie das so ist mit Kultfilmen, allzu oft können sie den aufgetürmten Erwartungen nicht standhalten. So auch in diesem Fall, denn das was ich dann zu sehen bekam, war weit davon entfernt das Meisterwerk zu sein, welches mir zuvor in den einschlägigen Film-Foren versprochen wurde.         
Ganz im Gegenteil. Meiner Meinung nach ist BR ein übles Machwerk, das vollständig auf den billigen Effekt setzt und den kritischen Diskurs über das Thema Gewalt in der Schule, Gewaltmonopol des Staates, verrohte Gesellschaft und Jugend, nur vorheuchelt. Dies ist nichts als Exploitation, die das ernste Thema für seine kommerziellen Zwecke, den inszenierten Skandal instrumentalisiert. Ich empfinde dies als geradezu ekelhaft. 

Battles Without Honor and Humanity

Regisseur Kinji Fukasaku hatte zu seiner Glanzzeit einige Klassiker des Yakuzafilms geschaffen, hier ist vor allem BATTLES WITHOUT HONOR AND HUMANITY zu nennen, doch anscheinend waren seine handwerklichen Fähigkeiten (krankheitsbedingt?) während der Dreharbeiten von BR schon merklich eingeschränkt. Die Inszenierung des Films präsentiert sich zwar durchaus mit routinierter effektvoller Lässigkeit, kann aber nicht an die Qualität seiner Werke aus den 1970er Jahren heranreichen. Abgesehen von der lauwarmen Kinematographie, zieht sich die Handlung furchtbar zäh und schleppt sich (bis auf einzelne inszenatorische Glanzlichter, z.B. die Leuchtturmszene!) von trashiger Gewaltszene zu Gewaltszene. Auch das schrecklich überzogene Spiel der jugendlichen Laien-Darsteller kann, mit wenigen Ausnahmen, das Niveau einer Schulaufführung nicht übertreffen. Zumindest die im Soundtrack zum Einsatz gekommene - das Gesehene qualitativ weit überragende - klassische Musik bietet einige Höhepunkte für das Ohr.


Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht, ich habe nichts gegen Exploitation, vor allem wenn sie nicht vorgibt mehr zu sein als pure Unterhaltung (z.B. OKAMI-Reihe) oder künstlerisch so gelungen mit dem Arthouse-Kino verschränkt wird wie in den SASORI-Streifen.  
Vielleicht begründet sich meine tiefe Enttäuschung über diesen berüchtigten "Kultstreifen" zu einem guten Teil aus dem Kontrast zwischen dem begeisterten Ruf der BR vorauseilt und dem tatsächlichen individuellen Filmerlebnis, welches ich dann "genießen" musste.
Ein gewisser amerikanischer Kultregisseur nennt BATTLE ROYALE den besten Film der letzten 20 Jahre. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf den Filmgeschmack des Flickenteppichkönigs des Kinos, der mit seiner Zitat-Hölle KILL BILL versuchte seinen (großteils asiatischen) Vorbildern des Exploitation-Kinos ein Denkmal zu setzen.

Übrigens, ich halte Tarantinos KILL BILL, abgesehen von seinen deutlich höheren inszenatorischen Qualitäten, für weitaus ehrlicher als BR, da er nie behauptet mehr zu sein als pure Unterhaltung und ist für mich damit folgerichtig auch der überzeugendere Film.
Wie man hört soll es aber demnächst eine auf 3D aufgepumpte Neufassung von BATTLE ROYALE geben. Die Kuh ist also noch nicht vom Eis...


Titel: Batoru rowaiaru - Battle Royale
Regie:
Kinji Fukasaku
Entstehungsjahr: 2000
Länge: 113 Minuten KC / 121 Minuten DC
DVD:
Marketing Film
Ton: Japanisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch

Kommentare:

  1. Zum Film habe ich nichts zu sagen, weil ich ihn nicht kenne, und jetzt interessiert er mich auch nicht mehr als vorher. Aber: Was für ein wunderschönes rasterelektronenmikroskopisches Bild! Die Hausstaubmilbe ist doch des Menschen liebstes Haustier. Das sieht man schon daran, dass in den Wochen nach Weihnachten alle möglichen Tiere an einsamen Autobahnparkplätzen ausgesetzt werden, aber keine Milben!

    Nur zur Sicherheit: ;-Þ

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  2. Ich habe lange nach einer passenden Gelegenheit gesucht dieses Milbenportrait einzubinden. Dieser Klassiker schien mir dafür genau richtig.

    Ich hoffe ich konnte damit den Millionen Hausstaubmilben, denen ich als großherziger Tierfreund Obdach gewähre, eine kleine Freude bereiten.

    Gerade den kleinen Vertretern unter unseren Zimmergenossen wird allzu oft die Aufmerksamkeit verwehrt, die ihnen allein angesichts ihrer schieren Masse zusteht.

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  3. Umzug - uääääh!
    Das haben wir vor kurzem auch durchgemacht. Dies schreckliche Thema gäbe vielleicht auch einen schönen Exploitation-Streifen ab... Die umziehenden Personen sehen bei der schikanösen Wohnungsabnahme und beginnen gezielt, ausbeuterische Vermieter abzuschlachten. Ein Thema mit hoher sozialkritischer Sprengkraft. Ich setze schon Mal ein Drehbuch auf. Wer übernimmt die offizielle tiefenpsychologische Auslegung? ;-)

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  4. Sollte oben heissen "...sehen bei der schikanösen Wohnungsabnahme rot..."
    Hab' mal wieder zu schnell auf den Knopf gedrückt...!

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  5. Titelvorschläge:

    EIN MIETER SIEHT ROT

    DER MIETER DES GRAUENS

    SLAYING THE LESSOR

    RELOCATION OF EVIL

    TENEMENT OF DEATH

    THE TENEMENTS INSPECTION

    THE TENANT WORE BLACK

    GORY RELOCATION

    NACHTS, WENN DER MIETER KAM

    THE EVIL TENANT

    TENANT OF THE DEAD

    RELOCATION HOLOCAUST

    DIE STUNDE DES MIETERS

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  6. Da darf FRANKENSTEIN'S LESSORS VERSUS GODZILLA'S TENANTS nicht fehlen.

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  7. Da ist auch schon die Fortsetzung gebongt:

    THE BRIDE OF FRANKENSTEIN'S LESSORS VS. THE SON OF GODZILLA'S TENANTS VS. KING KONG ALWAYS BUTT IN

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  8. Wie kannst du es wagen, ein derart verkanntes Meisterwerk so zu entwürdigen!!! - Mit anderen Worten: Wenigstens eines dieser "Kultfilmchen", auf das ich nicht reingefallen bin. ;) - Es gibt ein hier nicht genannt sein wollendes DVD-Geschäft, das sie meistens besonders aufdringlich hervorhebt.

    DRACULA AND FRANKENSTEIN HUNT THE TENANT'S BRIDE KING KONG.

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  9. @ Whoknows'Best
    Sag mal, kann es sein, dass du das verzweifelte Bemühen unser schweres Umzugstrauma in einem kreativen Veitstanz zu verarbeiten, nicht ganz ernst nimmst? ;-P

    THE SON IN LAW OF DRACULA'S TENANTS AND THE BRIDE OF FRANKENSTEIN'S LESSORS HIS SISTER HUNT THE TENANT'S MOTHER IN LAW KING KONG

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  10. Und wie ich euch ernst nehme! Wer sich mit einem Mieter im unteren Stockwerk herumquält, der um zwei Uhr in der Nacht den Fernseher volle Pulle aufdreht, trägt sich auch mit dem Gedanken, einen dieser mühsamen Umzüge in Kauf zu nehmen. Schade, dass man sich von solchen Leuten früher oder später vertreiben lässt.

    THE INNOCENTS HAUNT THE CHILDREN OF THE TENANT'S SAW II STOLEN BY THE FREAKS' FRAILTY OMEN.

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  11. Ach geh... Wer noch keine 5 Umzüge hinter sich hat und im Schweizer Wohlstandsparadies die Beine hochlegt, kann da natürlich leicht reden. Die moderne deutsche Dienstleistungsgesellschaft erfordert geradezu unmenschliche Flexibilität von seinen jungen arbeitswütigen Eliten, zu denen ich mich selbstredend nicht zähle.

    Zeit für einen Crossover:

    THE CHILDREN OF DOOM OF THE EX-WIFES OF DRACULA'S TENANT’S COUSIN IN LAW HAUNT THE LIVING DEAD LESSORS OF KING KONG HIS GRANDMA’S POODLE
    VS.
    THE REVENGE OF BRUCE LI HIS LESSOR’S WIENER MEETS YOJIMBO'S TENANT’S INNOCENT BREED HIS SISTER OF THE BROTHER’S SPOUSE OF GODZILLA

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  12. Schweizer Wohlstandsparadies?

    SENNENTUNTSCHI EATS THE TENANT'S SWEET CHARLOTTE IN A HOSTEL NEAR ELM STREET FIVE.

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  13. Als Hommage an Roman Polański...

    TT34*





    *TT - The Tenant: 34 Years later

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  14. Mein Gott, seid ihr kaputte Leute :-)
    In den 80ern neben der Dorfvideothek aufgewachsen, gell?

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  15. Wenn es bloß damals in meinem Kuhkaff eine Dorfvideothek gegeben hätte... *heul*

    So musste ich mich mit 5 TV-Programmen (ARD, ZDF, NDR, DDR1, DDR2 und bei gutem Wetter WDR) zufrieden geben...

    Welch traurige Kindheit *schluchz*, hätte es den Bücherbus (Ich sage nur KARA BEN NEMSI, RITTER ROLAND, TIM UND STRUPPI und VALERIAN UND VERONIQUE) und CAPTAIN FUTURE nicht gegeben...

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