- Widmung der symphonischen Dichtung "Tapiola" -

Da dehnen sich des Westlands Wälder, uralt, geheimnisvoll in wilden Träumen, Waldgeister weben in dem Dunkel.

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Sonntag, 24. Oktober 2010

KÜRZLICH GESEHEN...

MANJI
Yasuzo Masumura (1964) 6/10

Nach einem Drehbuch von Kaneto Shindo schuf Masumura hier einen aufgrund seiner Thematisierung lesbischer Liebe und sexueller Hörigkeit zur damaligen Zeit sicherlich kontroversen Film, der in seiner bemühten Theatralik heute eher unfreiwillig komisch wirkt. Besonders nervtötend empfand ich das überzogene hysterische Spiel der Hauptdarstellerin Kyoko Kishida, die ich aus DIE FRAU IN DEN DÜNEN eigentlich in guter Erinnerung hatte. MANJI ist gerade im Vergleich zu Masumuras späteren Meisterwerken wie RED ANGEL oder BLIND BEAST eine große Enttäuschung.   

KUROI AME  - Schwarzer Regen
Shohei Imamura (1989) 9/10

Die Verfilmung des Romans von Masuji Ibuse, dem wohl bekanntesten Vertreter der „Bomben-Literatur“, ist Imamuras letzter wirklich groß angelegter Spielfilm. In Schwarz-Weiß gedreht, erzählt er in zwei Zeitebenen von den tragischen Folgen des amerikanischen Atombombenabwurfes auf Hiroshima. Auf anrührende Weise verdeutlicht Imamura am Beispiel einer japanischen Familie, wie nachhaltig Krieg das Leben der Menschen zerstören kann. Nach KUROI AME folgten kleinere weniger aufwendige Produktionen wie DER AAL oder WARM WATER… In meinen Augen ist Imamura mit dieser Literaturverfilmung  sein letztes (mir bekanntes) uneingeschränktes Meisterwerk gelungen.

WARM WATER UNDER A RED BRIDGE
Shohei Imamura (2001) 7,5/10

Ein humorvoller besonderer kleiner Film, der mit seinen schrägen Einfällen und Figuren das Interesse des Zuschauers durchgängig aufrechterhalten kann, aber insgesamt nicht an die großen Klassiker Imamuras heranreicht. Nie wurde weibliche Lustbefriedigung anschaulicher und eruptiver in einem Film visualisiert. Angesichts dieser besitzergreifenden Sirene muss jeder männlicher Egozentrismus in sich zusammenfallen.
 
THE PORNOGRAPHERS
Shohei Imamura (1966) 8/10

Ein früher, stilistisch der japanischen Nouvelle Vague zuzuzählender, vor schrägen Ideen überquellender Schwarz-Weiß-Film Imamuras, der schon die kommenden Exzesse des japanischen Extremkinos der 70er Jahre andeutet.  Ein Produzent billiger Pornofilme heiratet die verwitwete Inhaberin eines Frisörsalons und bemüht sich vergebens dem Einfluss der Yakuza zu entziehen. Heimlich, unter den Augen ihres als Karpfen reinkarnierten Vaters, bedrängt er die Tochter seiner Frau und missbraucht sie schließlich. Nachdem die Ehefrau geistig verwirrt in einer Nervenklinik stirbt, verliert der Ehemann jedes Lustempfinden und verbringt die nächsten Jahre auf einem Boot damit die perfekte Frau als Sexpuppe zu erschaffen. So seltsam sich die Handlung anhört, so bizarr ist der Film auch. Ein visuell experimentierfreudiges zuweilen aufregendes Werk, das sich aber in der eigenen verschlungenen Handlung zu verlieren droht.        

THE STRANGE SAGA OF HIROSHI THE FREELOADING SEX MACHINE
Yuji Tajiri  (2005) 7/10

Ein humorvoller Vertreter des japanischen Pink-Films, der mit seinen verrückten Einfällen, seiner äußerst vitalen Visualisierung des Geschlechtsaktes, mir ein Grinsen aufs Gesicht zaubert. Eine schräge Sex-Klamotte, wie sie nur aus Japan kommen kann. Grillen-Sumo muss ein aufregender Sport sein!

TATTOOED FLOWER VASE
Masaru Konuma (1976) 6/10

Ein weiterer Pink-Film (Pinku eiga) der visuell sehr hochklassig daherkommt, seine schwache Handlung, die nicht von ungefähr an IREZUMI erinnert, damit aber kaum kaschieren kann.

TOKYO FIST
Shinya Tsukamoto (1995) 3/10

Ein ziemlich billiges Machwerk von Tsukamoto, der durch seinen Film TETSUO – THE IRON MAN in Fankreisen des japanischen Extremkinos eine gewisse Berühmtheit erlangte. Die drastische blutspritzende Inszenierung der Boxkämpfe, versucht wohl die dünne Handlung, in ihrer einfältigen Verschränkung von Sex, Eifersucht und Gewalt, mit Eimern roter Farbe zuzukleistern. Einzig die ein oder andere visuelle Spielerei weiß zu gefallen. Insgesamt entbehrlich.

HAZE
Shinya Tsukamoto (2005) 6/10

Hier gelingt Tsukamoto eine durchaus bedrückende atmosphärische Darstellung klaustrophobischer Enge. Man fühlt als Zuschauer beinahe körperlich die Finsternis und Angst, der wie Labormäuse in einem Beton-Labyrinth eingeschlossenen Protagonisten. Die Verwandtschaft zum bekannteren CUBE ist offensichtlich. Der surreal inszenierte Schluss des Films lässt vermuten, dass Tsukamoto ein großer Fan von Kubriks 2001 ist. Am Ende bleiben alle Frage über Sinn und Unsinn des Betonsarges offen und der Zuschauer kann sich in wildeste Interpretationen versteigen. Er kann es aber auch, so wie ich, lassen.     

JITSUROKU ABE SADA – A Woman called Abe Sada
Noburo Tanaka (1975) 7,5/10

Im Schatten des auf dem gleichen historisch belegten Kriminalfall fußenden IM REICH DER SINNE (AI NO KORIDA) muss dieses Werk um seine Anerkennung kämpfen. Und tatsächlich, insgesamt gefällt mir der aufwendiger produzierte Film von Nagisa Oshima mehr. Dennoch schafft es Tanakas Version eine ganz eigene Sicht auf den Fall zu entwickeln. Die zerstörerische, alle Rationalität verleugnende Leidenschaft gegenseitiger sexueller Abhängigkeit, wurde nur selten ähnlich eindringlich und radikal inszeniert.

VENGEANCE
Johnnie To (2009) 7,5/10

Der für seine im Triaden-Milieu angesiedelten Action-Reißer bekannte Hongkong-Regisseur Johnnie To, versuchte hier mit der Schaffung eines klassischen Revenge-Movies auf den Erfolg auf dem internationalen Kinomarkt zu schielen. Dies gelingt durch seine düster polierte Oberfläche und den überzogen stilisierten Schießereien auch sehr gut. Der Film kann somit vor allem atmosphärisch und in den Actionszenen punkten. Die Handlung selbst bietet leider nur die genreüblichen Stereotype, stört aber damit auch nicht weiter den visuellen Genuss.

ALL ABOUT LILY CHOU-CHOU
Shunji Iwai (2001) 8,5/10

Eine wirklich großartige Studie der japanischen Jugend, in all ihrer bittersüßen Sehnsucht, ihrer orientierungslosen Verzweiflung, in ihrer enthemmten Grausamkeit. Das Grün der Felder erstrahlt in beinahe irrealer Intensität und kontrastiert mit dem melancholischen Lebensgefühl der Protagonisten. Zwar begeistert mich Iwais YENTOWN noch ein Stückweit mehr, aber mit ALL  ABOUT… hat er einen weiteren  beeindruckenden Film geschaffen, wie es viel zu wenige, ob in Japan oder dem Rest der Welt, in unsere Kinos schaffen.

Kommentare:

  1. Da hast Du ja einiges gesehen in den letzten Tagen! :cheers:

    Ein paar Anmerkungen:
    Es freut mich sehr, dass Dir KUROI AME gefallen hat. Auch mich hatte er damals sehr begeistert, wenn man das so sagen kann bei einem solchen Film. Toll fand ich auch die Musik von Toru Takemitsu. Zufälligerweise lese ich gerade das Buch von Ibuse, das ja auch außerordentlich ist.

    @TOKYO FIST: Kann Deine negative Kritik verstehen, möchte aber doch zwei Dinge zu bedenken geben.
    Einmal hat mir die Intensität der Kämpfe ausgezeichnet gefallen - das habe ich so, wirklich NOCH NIE sonst derart gesehen, weder in einem Martial Arts Film, noch einem Boxfilm. Da ist so etwas wie MILLION DOLLAR BABY (den ich sowieso lächerlich finde) doch Schmusekurs, WIE EIN WILDER STIER kampfarm und psychoflüchtig. Die Körperlichkeit des Filmes ist, so mein zweiter Gedanke, innerhalb des tsukamotoschen Konzepts, mit seinen Versehrungen von der äußerlichen technizistischen Körperdeformation über die Schnittstelle körperliche Gewalt in diesem Film ein Übergang hin zur Sehnsucht und Leidenschaft (SNAKE OF JUNE), dann zur mental-psychischen Deformation (HAZE, VITAL, ). Meine These: Die deformative Gewalt strebt im Oeuvre Tsukamotos tatsächlich (räumlich) von außen nach innen, arbeitet sich vor, in den Menschen hinein, besetzt das Gehirn, wird schließlich psychologisch, bis in den Traum hinein (NIGHTMARE DETECTIVE). Eine ganz ähnliche Stoßrichtung wie ich sie bei David Cronenberg zu erkennen glaube.

    Die LILY CHOU-CHOU mag ich aus den von Dir genannten Punkten ebenso sehr (aber weniger als LOVE LETTER oder APRIL STORY), der Konzertbesuch aber will mir als deutlich zu große Konzession an das ganze irre japanische Pop-Idol-Ding erscheinen.

    Am Ende möchte ich Dir noch, falls unbekannt, Nobuhiko HAUSU Obayashis Film SADA empfehlen, der sich ästhetisch markant von den anderen Abe Sada-Filmen abzuheben weiß und m.E. nach ein vergessene Perle des japanischen schrägen Kinos ist.


    (Und danke für die Verlinkungen!)

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  2. Hatte 2 Wochen Ferien... :-D

    Die drastische Visualisierung der Faustschläge und ihrer physischen Folgen, wie sie in TOKYO FIST zelebriert werden, sind für mich aber noch kein Qualitätsmerkmal für sich und auf narrativer Ebene spielt WIE EIN WILDER STIER dann halt doch in einer ganz anderen Liga. (Über das Tränendrüsen-Sterbehilfe-Drama MILLION DOLLAR BABY verliere ich hier mal kein Wort.) Tsukamoto wollte die Gewalt offensichtlich besonders ekelhaft und abschreckend inszenieren, das Gegenteil der Hochglanzästhetik vieler moderner Actionfilme (z.B. der schillernden Seifenblase Kill Bill). Diese Absicht ist ihm auch gelungen, doch das allein reicht für einen guten Film noch nicht aus, wenn es ihm nicht gelingt die visuelle Höllentour mit erzählerischer Bedeutung zu unterfüttern.

    SNAKE OF JUNE (8/10) und eingeschränkt auch VITAL (7/10), sind in meinen Augen weitaus gelungenere Werke in Tsukamotos Filmschaffen, da sie auch auf inhaltlicher Ebene etwas zu bieten haben. Die Verwandtschaft zu Cronenberg, in dem er den Menschen physisch und psychisch Stück für Stück zerlegt, ist durchaus erkennbar, obwohl Tsukamoto natürlich noch eine ganze Weile Zelluloid stapeln muss, um auch nur ansatzweise an Cronenbergs Gesamtwerk heranreichen zu können.

    Was mich wundert ist, dass du gar nicht aufschreist, wenn ich Yasuzo Masumuras MANJI derart niedermache. Ich dachte ich hätte eine enthusiastische Besprechung deinerseits in Erinnerung. ;-)

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  3. MANJI ist der einzige Film von Masumura, den ich kenne, und ich bin auch nicht ganz damit zufrieden. Vor allem aber, weil die Handlung doch arg an den Haaren herbeigezogen ist. Kyoko Kishida ist mir in der abstrusen Geschichte nicht weiter negativ aufgefallen, aber vielleicht hab ich sie aufgrund des DÜNEN-Bonus zu mild beurteilt, und Ayako Wakao aufgrund des UKIGUSA-Bonus. Die (bewusst?) etwas künstliche Inszenierung der Geschichte passte aber ganz gut zur Handlung und erinnerte mich entfernt an manche Fassbinder-Filme, z.B. DIE BITTEREN TRÄNEN DER PETRA VON KANT.

    THE PORNOGRAPHERS finde ich auch recht gelungen, mit bösen Seitenhieben, wie man sie von Imamura kennt und erwartet, und einem originellen Schluss.

    Die anderen Filme kenne ich alle nicht, aber ...
    @mono.micha:

    Der grandiose RAGING BULL ist doch im Grunde seines Herzens ein Melodram, und zwar im besten Sinn des Wortes [1]. Für mich neben TAXI DRIVER der beste Scorsese, den ich kenne. "Kampfarm" ist er nur, wenn man unbedingt einen Genre-Film darin sehen will, sowas wie ROCKY ½, aber sowas hatte Scorsese kaum im Sinn. Und "psychoflüchtig" kann er gar nicht sein, weil die Psyche von LaMotta der Ausgangspunkt des ganzen Films ist.

    [1] So wie beispielsweise auch ONCE UPON A TIME IN AMERICA und THE DEER HUNTER. Womit ich meine vier Lieblingsfilme mit De Niro in diesem Kommentar versammelt hätte. Wozu TOKYO FIST doch alles gut ist ...

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  4. @ Marald: Die Parallele zu Cronenberg war eher als Verständnisbrücke gedacht (auch für mich), als dass ich die Regisseure auf eine Stufe stellen wollte. TOKYO FIST wird ja generell nicht besonders geschätzt - umso erstaunter war ich damals, als ich dieses geradlinige Energiebündel in all seiner Kompaktheit genießen durfte. Da konnte mich auch der einfache/schwache Plot nicht abschrecken, da ich, wie überhaupt im Frühwerk Tsukamotos, die optischen Qualitäten als das herausragende Merkmal seiner Kumst begreife. Insofern mein o.g. Verständnis für Deine Kritik.
    RAGING BULL habe ich, Manfred, provozierend (gebe ich zu) mit reingenommen, um deutlich zu machen, wie breit das Spektrum eines Boxfilms (so er denn überhaupt einer ist (wenngleich er als solcher vermarktet wird)) sein kann. Mit "psychoflüchtig" meinte ich also auch "in die Psyche sich hinein begebend", flüchtend vor den Kampfszenen, die mich ziemlich enttäuschten. Zu Deiner DeNiro-Auswahl kann ich nur zustimmen, insbesonders THE DEER HUNTER liebe ich sehr.

    @MANJI: Ich habe meine Besprechung eben nochmals nachgelesen. MANJI habe ich durchaus als schwächeren Masumura-Film eingeschätzt, dessen Vorzug im gesellschaftskritischen Impetus liegt, der sich in der Thematisierung einer lesbischen Liebe äußert, sowie im stilisierten Setting. Der Film ist immerhin von 1964. Dass ich nicht direkt in Prostet ausgebrochen bin, Marald, liegt wohl daran, dass Du ihm immer noch eine überdurchschnittliche Bewertung zukommen läßt ("6/10"); und damit sind wir auf einer Linie: ein schwächerer Film Masumuras, der über dem Durchschnitt liegt.

    Ob man ihn nun "abstrus" (Zitat Manfred) nennen muß, weiß ich nicht, mir erschien er etwas hysterisch, wenn ich mich recht erinnere.

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  5. @DeNiro
    Mein Lieblingsfilm von ihm ist TAXI DRIVER, den ich, bis auf den märchenhaften Epilog, wirklich genial fand (der mit Abstand beste Scorsese!). Ich will bis heute glauben, dass dieses Ende in Wirklichkeit nur eine Sterbefantasie Travis darstellt, ähnlich wie dies (nur offensichtlicher) z.B. in Gilliams BRAZIL zu sehen ist. THE DEERHUNTER, ONCE UPON A TIME IN AMERICA und (mit kleinem Abstand)RAGING BULL folgen dicht auf. Aber auch in THE GODFATHER II und GOODFELLAS konnte er mich begeistern.

    @TOKYO FIST
    Eine derartig drastische Gewaltdarstellung kann ich eigentlich nur in humorvoll gebrochener Form "genießen". Takashi Miikes an sich vollkommen kranker ICHI - THE KILLER oder die comichaft überzogene Gewaltfantasie FUDOH, sind hierfür gute Beispiele. Im Vergleich dazu nimmt sich TOKYO FIST viel zu ernst, eine Eigenschaft die mir ebenfalls die meisten westlichen Gore- und Splatterorgien ungenießbar macht. Tsukamotos TETSUO fand ich aufgrund seiner überzogeneren Albernheit deshalb weitaus erträglicher.

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  6. Unsere Übereinstimmung bezüglich De Niro ist ja fast schon unheimlich. Gibt es hier niemenden, der MEINE FRAU, IHRE SCHWIEGERELTERN UND ICH für seinen besten Film hält? ;-)

    @mono.micha:
    Habe jetzt deine Besprechung von MANJI gelesen. Hat mich zunächst etwas verwirrt, weil Du Kyoko Kishida und Ayako Wakao verwechselt hast. Kishida ist die Hausfrau, und Wakao das Model.

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