- Widmung der symphonischen Dichtung "Tapiola" -

Da dehnen sich des Westlands Wälder, uralt, geheimnisvoll in wilden Träumen, Waldgeister weben in dem Dunkel.

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Montag, 22. November 2010

HAGAKURE-NYUMON – Zu einer Ethik der Tat


IN MEMORIAM
- Yukio Mishima -
(bürgerlich Hiraoka Kimitake)


* 14. Januar 1925 - † 25. November 1970

Einführung in das Hagakure, 
die Samurai-Lehre des 18. Jahrhundert.
- oder -
Des Wahnsinns fette Beute


Kriegerische Tapferkeit
Der Krieger setzt allen Stolz in seine Tapferkeit; entscheidend ist die Fähigkeit zu einer auf den Tod gefassten Raserei…

(Aus dem zweiten Buch)

Wenn einer sagt, es sei ein schmählicher Tod, zu sterben ohne das Ziel erreicht zu haben, so entspricht dies der hauptstädtisch arroganten Auffassung vom Weg des Kriegers. 
(Hagakure)

Yukio Mishima als rechtsradikalen Spinner abzustempeln fällt leicht. Auch heute, 30 Jahre nach seinem spektakulären und wahnwitzigen öffentlichen Selbstmord durch Seppuku, ist das Kopfschütteln außerhalb nationalistischer japanischer Kreise groß. Doch was steckt wirklich dahinter? Wie konnte ein derart weltoffener und vielseitig gebildeter Mann, der ein leidlich gutes Englisch sprach und Thomas Mann zu seinen Lieblingsschriftstellern zählte, sich in ein derart krudes Weltbild verrennen? Es fällt schwer sich in die Gedankenwelt dieses exaltierten Extremkünstlers zu versetzen.

Um der Beantwortung dieser Frage ein Stück näher zu kommen, empfiehlt sich das aufmerksame Studium seines literarischen Werkes, in dem sich zahlreiche Anhaltspunkte finden. Neben der Kurzgeschichte PATRIOTISMUS, einer düster nihilistischen Sepuku-Fantasie, und seinem Roman HOMBA, ein euphorisches Plädoyer für politische Agitation, die die Fesseln intellektueller Logik zerreißt, sollte dazu unbedingt sein in Form eines Essays verfasstes HAGAKURE-NYUMON herangezogen werden. Hier erläutert er dem Leser in klaren bekennenden Worten sein Weltbild und welche Bedeutung darin das HAGAKURE einnimmt, die alte japanische Kriegerethik.

Das HAGAKURE ist ein seltsamer Text aus dem frühen 18. Jahrhundert, also ungefähr aus dem ersten Drittel des Tokugawa-Shogunats, einer Ära tiefsten Friedens und fast vollständiger Isolation Japans. In dieser Zeit waren tatsächliche kriegerische Konflikte selten geworden und der alte Ritterstand der Samurai begann sich der Verfeinerung der Kriegskünste und anderen künstlerischen oder weltlichen Freuden zu Widmen. Einzelne Samurai kritisierten die zunehmende Verweichlichung des Kriegerstandes, die mangels praktischer Anwendung ihres Handwerks in geistige Leere verfiel. Yamamoto Tsunetomo (oder Yamamoto Jōchō) ein ländlicher Samurai der sich in seiner Kritik vor allem gegen die Dekadenz und Arroganz der Hauptstadtsamurai wandte, verfasste deshalb eine Sammlung von Leit- und Lehrsätzen für die Ausbildung der jungen Samuraigeneration. Ein idealisierter, zum Teil mit Widersprüchen behafteter in zwei Abschnitte (Bücher) unterteilter Ethik- und Verhaltens-Kodex.


Während der Showa-Zeit der dreißiger Jahre, dem Höhepunkt des japanischen Imperialismus, wurde diese Schrift zur Pflichtlektüre in der japanisch kaiserlichen Armee. Selbst Heinrich Himmler ließ, zur moralischen Erziehung, eine Sonderausgabe für die SS drucken und sah in der Samuraiethik ein Vorbild für seinen schwarzen Orden. Eine Perversion die Mishima nach dem Krieg durchaus bewusst war. Mishima lehnte den Imperialismus als kapitalistische Verirrung ab und glaubte, dass der Idealismus der Kriegsgeneration für verbrecherische Ziele missbraucht wurde. Er beklagte somit zwar den Missbrauch der alten Samurai-Ethik durch die Mächtigen, zweifelte aber nie an deren Wert als moralischen Leitfaden an sich.

Mishima verabscheute die zunehmende Liberalisierung und Verwestlichung der japanischen Kultur, glaubte das Japan als Nation seine Identität verlöre. Die Schuld dafür sah er in dem Imperialismus und Kapitalismus der dreißiger Jahre, der Japan durch eine verbrecherische Clique Industrieller und Militärs aufgedrängt worden sei und der Japan in den selbstmörderischen zweiten Weltkrieg gedrängt habe. Sein geistiges Vorbild sah er eher in den jungen idealistischen Offizieren des Aufstandes des Jahres 1936, des NI-NIROKU JIKEN Aufstandes, den er in seiner Kurzgeschichte PATRIOTISMUS und deren Verfilmung (YUKOKU 1966) direkt aufgriff. In ihrem Bemühen Japan aus dem Griff kapitalistischer Kräfte zu befreien und den Kaiser als Symbol der kulturellen Reinheit neu zu erheben, versuchten sie einen Staatsstreich, der sich schnell als hoffnungslos herausstellte. Im Scheitern des Putsches sah Mishima jedoch keine Niederlage der jungen Offiziere, sondern einen Sieg im Sinne der Ethik der Tat, wie sie das HAGAKURE propagierte. Das erreichen des Zieles ist zweitrangig, wenn das Handeln im reinen Geist höherer Ideale erfolgt. In seinem Roman HOMBA beleuchtet Mishima durchaus kritisch das politisch hitzige Klima der frühen 1930er Jahre, hinterfragt den Sinn des kläglichen Putsches eines studentischen Geheimbundes, nur um am Ende, in der längst vollkommen sinnlosen Tat des Seppuku des jungen Helden, seine Vorstellung ethischer Erfüllung zu zelebrieren. Ein Akt der Befreiung von der, in seinen Augen, zögerlich impotenten Haltung intellektueller Logik, die vom reinen Feuer des Handelns hinweggefegt wird.


Die Lebensalter
Vor seinem vierzigsten Jahr sollte einer die Weisheit und Besonnenheit beiseite lassen; besser, er verfügt über ein zuviel an Energie. Je nach seinem Charakter und seiner Herkunft wird er indessen auch nach Überschreiten des vierzigsten Jahres, so es ihm an innerer Stärke mangelt, ein Mann ohne Wirkung sein…
(Aus dem ersten Buch)

Ein Mann habe noch im Tode von der Farbe der Kirschblüte zu sein. Vor dem Seppuku-Selbstmord – so war es üblich – färbte man sich Wangen und Lippen mit Rouge, damit man auch sterbend die Frische nicht verlöre. Der Moralgrundsatz, sich vor dem Gegner nicht zu demütigen, machte aus der Schicklichkeit, sich über den Tod hinaus schön zu erhalten und wie lebendig zu erscheinen, eine Notwendigkeit.
(Mishima)

In seinem 45. Lebensjahr beendete Mishima seine Existenz. Er hatte geglaubt nur ein junger Mensch könne in Schönheit sterben. Der Zerfall des Körpers und Geistes durch Alter und Demenz bereite dem Menschen einen schmählichen Tod. Durch entsprechend intensives Training und Bodybuilding zögerte Mishima den Alterungsprozess hinaus, doch letztendlich war ihm klar, dass er dem antiken Ideal der ewigen Schönheit nur im Tode entsprechen könnte. Dieses todessehnsüchtige Ideal zelebrierte Mishima literarisch besonders eindringlich in seinem Meisterwerk DER TEMPELBRAND.

Am Morgen seines Selbstmordes legte Mishima besonderen Wert auf sein gepflegtes Äußeres, auf dass er auch im Tode sich nicht beschämen würde. Natürlich wirkt solches Bemühen im Angesicht eines derart ekelhaften Aktes wie seiner blutigen Selbstentleibung relativ sinnlos. Der Anblick muss in jeder Beziehung abstoßend gewesen sein. Mishima vertrat aber auch die Auffassung, dass im Tode kein Mensch würdelos sei, egal in welcher Pose oder Form er aufgefunden wird.


Geringschätzung der Künste
Derjenige, von dem man sagt, er sei geschickt in den Künsten, ähnelt eher einem Narren. Da er sich in seiner Einfalt ganz an eine einzige Sache gehängt, wurde er darin Meister, ohne je ernstlich nachgedacht zu haben. Solche Menschen sind zu nichts zu gebrauchen…
(Aus dem ersten Buch)

Über Intellektuelle
Der Berechnende ist ein Feigling. Denn wie alle Rechnung auf der Vorstellung von Vor- und Nachteil beruht, bedenkt er stets, was schädlich und was nützlich sei. Sterben ist ihm ein Verlust, leben ist ihm ein Gewinn, und da er zum Sterben nicht bereit ist, wird er zum Feigling. Auch der Mann von Gelehrsamkeit verbirgt durch schlagfertigen Witz und große Zungenfertigkeit, dass er seinem eigentlichen Wesen nach feige oder eigennützig ist. Das wird von vielen nicht richtig erkannt…  
(Aus dem ersten Buch)

Was aber ist „Stärke“? Sich nicht von Weisheit fortreißen zu lassen. Nicht in Besonnenheit zu versinken.  
(Mishima)

Gleichzeitig hatte ich, der ich den vom HAGAKURE gescholtenen Weg der Künste ging, wieder und wieder unter dem Konflikt zwischen der Ethik der Tat und meiner Kunst zu leiden. Der seit langem gehegte Verdacht, in der Literatur sei etwas Feiges, Unredliches verborgen, trat jetzt offen zutage. Und wenn ich die Vorstellung vom „doppelten Weg von Gelehrsamkeit und Kriegertum“ verstärkt für notwendig zu erachten begann, so geschah das im Grunde unter dem Einfluss des HAGAKURE. 
(Mishima)

Mishima sah sich selbst in seiner Jugend als solch einen schwächlichen Feigling, als fruchtlosen Intellektuellen. Etwas was er zutiefst verabscheute. Er versuchte alles um dieses hässliche Selbstbild zu zerstören und durch die Tat sein Leben gemäß des HAGAKURE neu auszurichten. Er gründete Anfang der 1960er Jahre die Tatenokai (Schildgesellschaft), die sich offiziell die Verteidigung des Tennos als Symbol japanischer Kultur auf ihre Fahnen schrieb. Die paramilitärische Vereinigung junger Männer umfasste auf ihrem Höhepunkt in ihrem weiteren Kreis über 100 Studenten. Mishima ließ auf eigene Kosten in Frankreich eine Fantasieuniform anfertigen und präsentierte in theatralischen Aufmärschen die Tatenokai der internationalen Presse. Parallel schulte er sie aber auch militärisch auf den Übungsgeländen der japanischen Selbstverteidigungstreitkräfte. Die offene Sympathie japanischer Militärs gegenüber den Tatenokai erscheint aus heutiger Sicht absolut unverständlich. Das wäre in etwa so, als dürften in Deutschland  Wehrsportgruppen mit logistischer Unterstützung der Bundeswehr auf Truppenübungsplätzen trainieren.


In seinem das HAGAKURE kommentierenden Essay zeigt Mishima klar auf welche konkreten moralischen Maßstäbe er für einen Menschen der Tat ansetzt, ein Mensch der sich der eigenen Ideale sicher ist und ohne innere Zweifel handelt. Mishima sah sich selbst in der Tradition dieser Weltanschauung, als er 1970 zu seinem sinnlosen Operettenputsch aufbrach und in einer Militärkaserne einen General als Geisel nahm. Er wusste genau um die Gewissheit seines Scheiterns, glaubte es trotzdem tun zu müssen, glaubte indem er wie geplant Seppuku beging, der in seinen Augen ultimativen Agitation, einen fulminanten theatralischen Schlusspunkt zu setzen. Dass Mishima seine ein Leben lang offen ausgelebte Neigung zum Masochismus, durch das Hineinsteigern in die Pose des Kriegers, des Märtyrers für eine Katharsis des japanischen Volkes, zu verbrämen suchte, dass er im Grunde seine ganze Existenz in ein bizarres radikales Gesamtkunstwerk verwandelte, ist ziemlich offensichtlich.


Heimliche Liebe
Die höchste Gestalt der Liebe ist, so meine ich, die heimliche Liebe. Sobald man einander erst begegnet, beginnt die Liebe zu schrumpfen. Sie ein Leben lang für sich zu behalten und in Sehnsucht zu sterben, das ist das wahre Wesen der Liebe…
(Aus dem zweiten Buch)

Eine von Zeitgenossen Mishimas vertretene These ist, dass seine Tat auch eine Art von Doppelselbstmord aus Liebe gewesen sei. Ihm wurde eine längere intime Beziehung zu seinem engsten Vertrauten in der Schildgesellschaft, Masakatsu Morita, nachgesagt, einem 25jährigen Studenten. Er versagte kläglich in seiner Funktion als Kaishaku-Nin, weshalb ein anderer Teilnehmer den schon im Sterben liegenden Mishima erlösen musste. Im Anschluss beging Morita selbst Seppuku. Der verheiratete Mishima hat sich offiziell niemals zu einer Liebesbeziehung geäußert, hatte aber schon früh in seinem Bekenntnis-Roman GESTÄNDNIS EINER MASKE seine Homosexualität und sadomasochistische Züge offenbart, eine Thematik die er erneut, auf noch drastischere Weise, in FORBIDDEN COLORS aufgreifen sollte.


… gerade das HAGAKURE (ist) der Leib, aus dem meine Literatur hervorgeht, und dazu die dauernde Quelle meiner Vitalität: nämlich durch diesen erbarmungslosen Peitschenhieb, dieses anfeuernde Geschrei, diese Schmähungen und durch diese dem Eis vergleichbare Schönheit.
(Mishima)

Nach meinem Dafürhalten macht es keinen großen Unterschied, ob man menschliche Bildung und Vervollkommnung mit dem natürlichen Tod oder, wie im HAGAKURE, mit dem Tod im Schwertkampf beziehungsweise durch Seppuku enden lässt. 
(Mishima)

Sobald es indessen ans Sterben geht, wer hat da wohl das stärkere Gefühl, Vollendung zu erreichen – der aktiv handelnde oder der Künstler? Nach meiner Vorstellung dürfte es derjenige sein, bei dessen Tod sich durch die bloße Hinzufügung eines einzigen Punktes jene Welt zu vollenden vermag. Das gewaltige Elend für den aktiv handelnden war es, wenn er nach unverkennbarer Hinzusetzung jenes einen Punktes dennoch nicht starb. (Mishima)

Mishima war ein leidenschaftlicher Autor, der sich ganz und gar seiner Kunst verschrieb. Jeden Morgen trat er diszipliniert an seinen Schreibtisch, es seinem literarischen Vorbild Thomas Mann gleich tuend, stoisch die leeren Seiten mit Wortketten füllend. Und dem Dunkel seines Ichs entstieg eine kraftstrotzende Sprache, voller vibrierender Melodramatik, unter der Oberfläche ein drohend funkelnder Abgrund. So nah am Pathos, so nah am prätentiösen Irrsinn errichtet.

Dem Dilemma der vernunftgesteuerten Selbstrefflektion kann der intellektuelle Mishima (er, der eigentlich nur Verachtung für alle Intellektuellen hegte) nur durch die Tat entrinnen. Mit dem Schwert zerschlug Mishima die Fesseln der Logik und Selbstzweifel und gab sich ganz dem Feuer des Handelns hin, die in seinen Augen reinste Form der Existenz, zu der der Mensch fähig ist. Ein innerlich zerrissener Autor, ein Jahrhunderttalent der Literatur, verglühte letztendlich in den Irrgärten des eigenen Verstandes.

Sobald einmal alle Wünsche befriedigt sind, bleibt uns allein der Tod als ungestilltes Bedürfnis.  
(Mishima)



Titel: HAGAKURE-NYUMON – Zu einer Ethik der Tat
Verlag: Kobunsha
Erscheinungsjahr: 1967
Deutsche Ausgabe: Hanser - Edition Akzente (1987)


Samstag, 20. November 2010

KÜRZLICH GESEHEN...

NAGAGUTSU O HAITA NEKO - PERIX DER KATER
Kimio Yabuki (1969) 8,5/10

Der kommerziell erfolgreichste Anime der frühen Jahre des Toei Studios. Frei nach dem Märchen DER GESTIEFELTE KATER der Gebrüder Grimm schuf Kimio Yabuki eine farbenfrohe fantasievolle Abenteuergeschichte über einen Jungen, die männliche Variante des Aschenbrödel, der mit Hilfe des aus dem Katzenreich verstoßenen Kater Perix das Herz der Prinzessin gewinnt und sie aus den Fängen des Höllenfürsten befreit. Ein Trickfilmklassiker der (nicht nur Kindern) einfach Spaß macht.

GOJIRA - GODZILLA 
Ishiro Honda (1954) 7,5/10

DER Klassiker des japanischen Monsterfilms dem unzählige Sequels folgen sollten und damit ein ganzes populäres Genre begründete. Ich persönlich halte ihn für etwas angestaubt und inszenatorisch weit unterhalb des Niveaus der großen Meisterwerke des japanischen Kinos der 1950er Jahre. Die mit der Subtilität eines Holzhammers plakativ im Schlusswort propagierte Kritik an der Atomkraft wirkt insgesamt sehr aufgesetzt, auch wenn die Lust an der Zerstörung durchaus als Echo der gesellschaftlichen Erschütterung durch den Atombombenabwurf auf Japan und die Angst vor radioaktiver Verstrahlung zu verstehen ist. Mir wird diese „tiefgründige“ Botschaft etwas zu platt vermittelt, genauso platt wie die Häuser die GODZILLA in seinem Amoklauf durch die Straßen Tokyos hinterlässt. Die Fans dieses Genres mögen mich steinigen, aber seine relativ hohe Wertung erhält er von mir nur aufgrund seiner unbestrittenen filmhistorischen und popkulturellen Bedeutung.

DER JUNGE TÖRLESS 
Volker Schlöndorff (1966) 8,5/10

Der Erstling von Schlöndorff gehört meiner Meinung nach auch gleichzeitig zu seinen besten Filmen. In nüchterner Sachlichkeit dampft er die Handlung der Romanvorlage auf ein dürres Skelett ein und schafft so, ganz unabhängig von Musils literarischem Werk, einen der ersten bedeutenden Beiträge des NEUEN DEUTSCHEN FILMS. Eine schwarzweiße Studie über die kleinen und großen menschlichen Grausamkeiten, die Natur des Sadismus, der Gleichgültigkeit und der Feigheit. Die stark schwankende Leistung der Darsteller und mancher zeitbedingte Manierismus schmälern zwar den Gesamteindruck ein wenig, aber insgesamt ist Schlöndorffs straff und kühl inszeniertes Debüt beeindruckend geglückt. Interessant zu erwähnen ist noch die mittelalterlich anmutende Filmmusik von HANS WERNER HENZE, einem der bedeutendsten Vertreter der deutschen avantgardistischen Musikszene.

JAKKU TO MAME NO KI - TOM, CROSBY UND DIE MÄUSEBRIGADE 
Gisaburō Sugii (1974) 9/10

Ein Lieblingsfilm aus meiner Kindheit. Zu ernsthafter Kritik bin ich deshalb aufgrund nostalgischer Verwirrung nicht fähig. Die Riesenbohnenranke, der schrecklich plumpe Riese Tulpe, seine Mutter - die böse Hexe, das Huhn das goldene Eier legt, die singende Harfe, eine Bande verzauberter Mäuse und der mutige Junge Tom und sein treuer Hund Crosby, prägten manch trüben Fernsehnachmittag. Ich kann mir diesen bezaubernden Klassiker des 1970er Jahre Anime einfach immer wieder ansehen.

Alexander Sokurov (2004) 6/10

Sokurov stellt in seinem Doku-Drama die Ereignisse des Jahres 1945 aus der Sicht des Showa-Tenno Hirohito nach. Das Niveau dieses Geschichts-Kammerspiel, liegt irgendwo im Bereich zwischen Guido Knopp und Fernsehspiel-Nirwana. Am interessantesten gelungen sind dabei noch die Sitzung des Kronrates zu Beginn des Films, mit seinen erstarrt förmlichen Strukturen und die Begegnungen Hirohitos mit dem Oberkommandanten der Amerikaner MacArthur, der Zusammenprall zweier Kulturen. Insgesamt nur für den an japanischer Geschichte interessierten Zuschauer sehenswert.

HONG GAOLIANG - ROTES KORNFELD 
Zhang Yimou (1987) 9/10

Zhang Yimous erster Spielfilm gewann gleich den Goldenen Bären und etablierte ihn als einen der herausragenden Vertreter des jungen chinesischen Films, der in den 1990ern seine große Blüte erleben sollte. In den nächsten Jahren blieben Yimou und seine Regiekollegen (wie z.B. Chen Kaige) Dauergast auf den europäischen Filmfestivals. Die berauschende Bildästhetik Yimous verbindet sich hier mit der rauen Form eines Epos einer unmöglichen Liebe. Die durchaus vorhandene Schwäche der erzählerischen Struktur wird durch die Wucht der Bilder weggewischt. Ingesamt ein dynamisches, in seiner rohen Kraft beeindruckendes Frühwerk Zhang Yimous. Seine mitreißende Familiensaga LEBEN bleibt aber mein Lieblingsfilm von ihm. Die diesen Monat erschienene DVD von ARTHAUS (Kinowelt) bietet übrigens eine ausgezeichnete Bildqualität.

SUKAI KURORA - THE SKY CRAWLERS 
Mamoru Oshii (2008) 9/10

Wohltuender Weise vertraut Oshii in diesem Anime-Epos stärker als zuvor allein auf die Kraft der elegischen atmosphärischen Bilder, statt die Handlung mit kryptischen Philosophie-Phrasen zu ersticken, wie er es z.B. bei GHOST IN THE SHELL II – INNOCENCE zuletzt tat. Eine in einem Kreislauf der ewigen Wiedergeburt gefangene Fliegerstaffel von Teenagerpiloten führt einen ewigen Luftkrieg stellvertretend für eine Gesellschaft, die den Krieg abgeschafft hat und in nostalgischer Verklärung den Nervenkitzel des Kampfes in den Himmel verlegt. Insgesamt ein großartiger Film Oshiis der all seine Stärken ausspielt. Atmosphärische Bildkompositionen, Luftschlachten, traurige melancholische Charaktere und ein Bassett. Einzig die etwas zu erstarrt geratenen Gesichter der Piloten, hätten etwas mehr Mimik vertragen, da sie so eher wie Masken oder Puppen wirkten. Ein Effekt der aber wohl durchaus so beabsichtigt war, um die sinnlose Leere der Existenz der ewig reinkarnierten Piloten zu verdeutlichen. Die jüngst von UNIVERSUM veröffentliche DVD/BLU-RAY ist übrigens ohne Einschränkungen empfehlenswert.

SHIN SHIKOTEI - DER GROSSE WALL 
Shigeo Tanaka (1962) 6,5/10

Ein japanischer Historienschinken nach dem Vorbild amerikanisch-italienischer Monumental- und Sandalenfilme der 50er und 60er Jahre. Die Lebensgeschichte des ersten chinesischen Kaisers, sein langsames abgleiten vom seine Regentschaft mit hohem Anspruch beginnenden Reichseiniger zum menschenverachtenden Despoten, wird in ziemlich konventionelle monumentale Bilder gegossen. Den hohen finanziellen Aufwand merkt man jeder Einstellung, den Kostümen und aufwendigen Bauten an. Dennoch fehlt dem Ergebnis etwas, eine eigenständige stilistische Identität, die den Film erst zu einem Meisterwerk machen würde. Ein solches Historienepos hätte genauso gut in den Hallen der römischen Filmstadt Cinecittà, von jedem x-beliebigen Hollywoodauftragsregisseur gedreht werden können.

Montag, 15. November 2010

HARUKA NA MACHI-E - Vertraute Fremde (10/10)



Nur ganz selten ist man als Leser von einem literarischen Werk derart beeindruckt, dass man um Worte ringen muss, um die tief empfundene Befriedigung die seine Lektüre in einem auslöst auszudrücken. Dieser außergewöhnliche Manga Jirō Taniguchis ist solch ein Meisterwerk, ein Comic (Neudeutsch „Graphic Novel“) mit der das Medium der sequenziellen Bildergeschichte einem einsamen Höhepunkt zustrebt. VERTRAUTE FREMDE strahlt eine derart reife erzählerische Kraft aus, dass mir schwindelig wird und ich vor Verzückung aufjauchzen möchte. Wie soll man es beschreiben, dieses Gefühl in eine Geschichte einzutauchen, ganz und gar in ihr zu versinken, sich von ihr forttragen zu lassen, treibend im Fluss der Zeit, gefangen in einem Wirbel aus Melancholie und Wehmut, Trauer um das Verlorene, das unwiederbringlich Verloschene, die irrationale Sehnsucht es zurückzuholen, es ungeschehen zu machen, diesen einen Fehler der alles verändern sollte, sich neu zu entscheiden, sich neu zu erfinden, es dieses Mal besser zu machen, es „richtig“ zu machen. Welch intensive begeisternde Leseerfahrung und welch sanfte Traurigkeit die mich mit erreichen der letzten Seiten umfing.


Der 48-jährige Hiroshi Nakahara, ein gefrusteter Familienvater und Architekt aus Tokyo, steigt am Ende einer Geschäftsreise, nach einer durchzechten Nacht, verkatert in den falschen Zug und findet sich überrascht auf dem Weg in seine alte Heimat, seine Geburtsstadt, wieder. Durch die Straßen seiner Jugend irrend besucht er das Grab seiner Mutter und fällt, trübsinnigen selbstmitleidigen Gedanken nachhängend, in tiefe Bewusstlosigkeit. Er erwacht zurückversetzt in das Jahr 1963, wieder 14 Jahre alt, der letzte glückliche Sommer seiner Kindheit, kurz bevor sein Vater spurlos verschwindet. Überwältigt von der Möglichkeit ganz neu anzufangen, alle begangenen Fehler zu vermeiden, unbelastet von den Wirrungen der Pubertät, mit dem Wissen eines Erwachsenen, beginnt er sich in das Leben eines Teenagers zu stürzen, genießt die unbeschwerte Zeit verantwortungsloser Jugend. Und gleichzeitig hofft er irgendwie das Geheimnis um das Verschwinden seines Vaters zu enträtseln, hofft seine Entscheidung wortlos zu gehen, seine Familie zu verlassen, ungeschehen zu machen. Doch Hiroshi muss schmerzhaft erkennen, dass den Möglichkeiten eines 14-jährigen sich gegen die Linen der Zeit zu stemmen enge Grenzen gesetzt sind.


Jirō Taniguchi, geboren am 14. August 1947, widmete VERTRAUTE FREMDE seinen Eltern. Dieses Meisterwerk des anspruchsvollen, in seiner elegischen Langsamkeit beinahe meditativen Manga, wurde jüngst vom Belgier Sam Garbarski für das Kino adaptiert (Ende November erscheint die DVD). Da ich diese Comic-Realverfilmung noch nicht gesehen habe, kann ich auch nichts über die Qualität der Umsetzung sagen. Wie man liest, soll Garbarski sich in seiner Version aber eng an den Handlungsverlauf der Vorlage halten. Ich bin (trotz Alexandra Maria Lara) gespannt. 


Die besondere filmische Qualität dieses Manga kommt der Übertragung in das Medium Film entgegen. Die bewusste Zelebrierung des Augenblicks, das Verweilen in flüchtigen bittersüßen Momenten des Glücks und der Trauer, ist einer der großen Stärken dieses Comics, womit VERTRAUTE FREMDE das gängige Klischee des atemlos hektischen Manga geradezu konterkariert. Die besondere Stilisierung der Realität, die Entdeckung der Schönheit des Alltages, das Sujet der mittelständigen japanischen Familie, von sich wandelnden gesellschaftlichen Bindungen, erinnert nicht von ungefähr an Yasujiro Ozu, da Taniguchi ein erklärter Fan seiner Filme ist. Dabei gelingt es ihm seinem Werk eine universelle urmenschliche Aussage zu geben, die den rein japanischen Kontext hinter sich lässt und auch den europäischen Leser anspricht. 
Für mich ist VERTRAUTE FREMDE ein ganz besonderer persönlicher Liebling unter den in Deutschland veröffentlichten Manga Jirō Taniguchis. Jeder der sich für den erwachsenen anspruchsvollen Comic begeistern kann, sollte dieses zu den wichtigsten japanischen Graphic-Novels der letzten 20 Jahre zählende Werk einmal gelesen haben.

Titel: HARUKA NA MACHI-E - Vertraute Fremde
Erscheinungsjahr: Japan 1997, Deutschland 2007
Verlag: Shogakukan
Deutsche Fassung: Carlsen Verlag
Autor/Zeichner:
Jirō Taniguchi
Länge: ca. 400 Seiten



Sonntag, 14. November 2010

HADASHI NO GEN - Barfuss durch Hiroshima (10/10)


DAS PFERD BRENNT

Atomarer Holocaust 
– Hiroshima am 6. August 1945 -

Als ich das erste Mal BARFUSS DURCH HIROSHIMA las, musste ich mehr als einmal tief schlucken. Selten hatte mich die Lektüre eines Comics derart aufgewühlt. Erschüttert verfolgte ich die Geschichte des kleinen Gen, wie er verbissen um das Überleben von sich und seiner Familie kämpfte, betrauerte mit ihm den Verlust enger Angehöriger, erstarrte an seiner Seite im Angesichts des atomaren Feuers und seiner entsetzlich entstellten Opfer, kostete mit ihm die kleinen Triumphe des Alltages, die Erbeutung eines Sacks Kartoffeln, einer Schüssel Reis, erfreute mich an seinem ungebrochenen Lebensmut. Und dann, als der unmittelbare Schrecken des Krieges schon überwunden schien, mit dem tragischen Tod von Gens kleiner Schwester, musste ich (den Tränen nahe) erkennen wie sehr ich mich mittlerweile emotional diesen zweidimensional gezeichneten Figuren verbunden fühlte.

Keiji Nakazawa 

Der im März 1939 geborene Keiji Nakazawa war 6 Jahre alt, als am 6. August 1945 die Enola Gay, ein nach der Mutter eines der Piloten benannter B-29-Bomber, seine tödliche Fracht ablud und die atomare Hybris das Zentrum Hiroshimas auslöschte. Tausende Menschen, in gleißendes Licht getaucht,  zerfielen innerhalb weniger Sekunden zu Asche, Zehntausende starben in den nächsten Wochen an den Folgen von Brandwunden und Strahlenkrankheit. Nakazawas Vater, seine ältere Schwester und sein kleiner Bruder wurden unter den Trümmern ihres Hauses, 1,3 km vom Stadtzentrum entfernt, begraben und verbrannten im über den Trümmern hinwegfegenden Feuersturm. Nur seine hochschwangere Mutter überlebte wie durch ein Wunder. Keiji war gerade auf dem Weg zur Schule, als er im Schutz einer Mauer vom atomaren Feuer überrascht wurde, wodurch auch er nahezu unverletzt blieb. Seine in der Trümmerwüste der Stadt mit seiner Hilfe geborene kleine Schwester starb 1947 an den Folgen von Unterernährung und Strahlenkrankheit. Diese Urkatastrophe der Kindheit Nakuzawas überschattete sein weiteres Leben und bestimmte, spätestens nach dem Tod seiner 1966 an den Spätfolgen der Bombe verstorbenen Mutter, die Wahl seiner Themen als Mangaka.


Mit ORE WA MITA  (Ich sah es) veröffentlichte  Nakazawa 1972 seinen ersten autobiographischen Manga. Die positive Resonanz ermutigte ihn die Arbeit an seinem vierbändigen Meisterwerk BARFUSS DURCH HIROSHIMA zu beginnen, das schließlich ab 1973 erfolgreich in Fortsetzungen im Shōnen Jump Magazin abgedruckt wurde. Nakazawas Zeichenstil orientiert sich merklich an seinem großen Vorbild Osamu Tezuka. Durch den klaren einfachen schwarzweißen Strich seiner Zeichnungen, erreicht sein Augenzeugenbericht erst den nüchternen Rahmen, der das Grauen der Geschichte, das unfassbare Leid, fassbar und dennoch für den Leser überhaupt erträglich macht. Schon bald erschienen zahlreiche internationale Ausgaben (1982 in Deutschland), einer der ersten auch außerhalb Japans veröffentlichte Manga. Schon in den Siebziger Jahren gab es eine dreiteilige japanische Realverfilmung. 1983 und 1986 produzierte Keiji Nakazawa unter der Regie Mori Masakis und Toshio Hiratas nach der Vorlage seines Manga 2 Anime. Der Zeichenstil wich etwas von der Vorlage ab, strich fast alle Nebenhandlungen und reduzierte die Geschichte auf das Wesentliche und erreicht dadurch insgesamt nicht  ganz die erschütternde erzählerische Dichte des Comics. Das Ergebnis ist trotzdem eindrucksvoll und ein Höhepunkt des 80er Jahre Anime, ein humanistisches Werk, dass sich durchaus mit dem bekannteren DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN messen kann.


1945, der 6 jährige Gen lebt mit seiner Familie in Hiroshima. Das japanische Kaiserreich stemmt sich verzweifelt gegen die Niederlage und hält die kriegsmüde Bevölkerung durch die ewig gleiche pathosgeschwängerte Propaganda bei Laune. Sein Vater ist einer der wenigen die die abzusehende Niederlage Japans offen aussprechen und sich damit gegen das Militärregime stellen. Dadurch gerät die Familie Nakaoka immer wieder in Schwierigkeiten und muss sich gegen die Anfeindungen von Nachbarn und Behörden zur Wehr setzen. Doch mit Geschick und Einfallsreichtum, im engen Zusammenhalt ihrer Familie, schaffen es Gen und seine Geschwister die entbehrungsreiche Zeit zu überstehen. 
Als die Atombombe explodiert verbrennen Gens kleiner Bruder, seine Schwester und sein Vater in den Trümmern ihres Hauses. Gen überlebt wie durch ein Wunder gemeinsam mit seiner hochschwangeren Mutter das atomare Feuer. Im Chaos der brennenden Stadt hilft Gen seiner kleinen Schwester auf die Welt und gemeinsam versuchen sie verzweifelt zu überleben. Bei einer Jugendfreundin der Mutter kommen sie für eine Übergangszeit auf dem Land unter, doch die Bombenflüchtlinge sind nicht gern gesehen und ihre Gastfamilie vergrault sie schließlich unbarmherzig. Nach der Rückkehr der beiden älteren Brüder versuchen sie gemeinsam, aus den Trümmern Hiroshimas heraus, sich ein neues Zuhause zu schaffen. 
    

Besonders eindringlich gelingt Nakazawa in den Vier Bänden die Darstellung der Verrohung in Zeiten existenzialistischer Bedrohungen. Aber auch der ungebrochene Überlebenswille der Familie Nakaoka, aller Menschen, wird überdeutlich. Schon bevor Hiroshima vernichtet wird, hat der Krieg die Herzen der  Bewohner verschlossen, doch mit dem Abwurf der Atombombe und der anschließenden virulent um sich greifenden Paranoia, brechen sich die im menschlichen Wesen verankerten Egoismen umbarmherzig Bahn und jede Solidarität mit den Opfern der Bombe wird im Keim erstickt. Gen und seine Familie kämpfen, trotz aller grausamen Rückschläge, immer weiter, geben sich halt, selbst im Angesicht des unfassbarsten Grauens. Lediglich die rabiaten Erziehungsmethoden von Gens Vater und die in der Familie allgegenwärtige „liebevoll“ zelebrierte Gewalt, verstören etwas den im Zeitalter der gewaltlosen Erziehung aufgewachsenen Leser. Ständig prügeln sich die Brüder oder antworten auf Provokationen und Ungerechtigkeiten mit Faustschlägen. Ein Spiegelbild der kriegerischen menschenverachtenden Doktrin der Zeit.

BARFUSS DURCH HIROSHIMA ist eine Anklage gegen den Krieg, gegen die Verrohung des Menschen. Nakazawa verurteilt dabei nicht einseitig die Amerikaner, sondern greift  vielmehr den Militarismus, die unbarmherzige Logik des Krieges, die  menschliche Natur als ganzes an, die solchen lebensverachtenden Fanatismus erst möglich macht. Der Manga ist damit ein Hauptwerk des humanistischen Comics, allenfalls vergleichbar mit Art Spiegelmans MAUS, ein erschütterndes Zeugnis menschlichen Überlebenswillens.


Titel: HADASHI NO GEN - Barfuss durch Hiroshima 
Erscheinungsjahr: Japan 1973, Deutschland 1982/2004
Verlag: Shueisha
 
Deutsche Fassung:
Carlsen Verlag
Zeichner/Autor: Keiji Nakazawa
Länge: 4 Bände (ca. 1100 Seiten)

Montag, 8. November 2010

MEIN JAPANISCHES KINO - TEIL 2 - Die 1960er


- 1960er Jahre -

ONNA GA KAIDAN WO AGARU TOKI 9/10
Mikio Naruse (1960)


Neben Mizoguchi ist Mikio Naruse der zweite große Frauenregisseur des klassischen japanischen Kinos. Häufig im Schatten der großen Meister vergessen, hat Naruse einige interessante Frauenportraits geschaffen. Sein bester Film, unter denen die ich gesehen habe, ist WHEN A WOMAN ASCENDS THE STAIRS, der vor allem durch seine großartige Hauptdarstellerin Hideko Takamine und die beeindruckende Kameraarbeit Masao Tamais glänzt. Atmosphärisch zählt der Film zu den intensivsten Frauendramen die ich kenne.

TANIN NO KAO - THE FACE OF ANOTHER 9,5/10
Hiroshi Teshigahara (1962)


Teshigahara strebte in seinem vergleichsweise überschaubaren Gesamtwerk eine Kooperation mit Vertretern unterschiedlichster avantgardistischer Künste an. Dieser Film ist dafür ein faszinierendes Beispiel. Kōbō Abe verfasste die literarische Vorlage. Der bildende Künstler Tomio Miki schuf Ohr-Prothesen. Toru Takemitsu schrieb die Filmmusik. Der Architekt Arata Isozaki entwarf Teile der Kulissen innerhalb der Arztpraxis. Nach SUNNA NO ONNA mein zweitliebster Film von Teshigahara.

SUNNA NO ONNA - DIE FRAU IN DEN DÜNEN 10/10
Hiroshi Teshigahara (1964)


Ein surreales Meisterwerk, das mich immer wieder sprachlos macht! Wenn der Sand vom Wind und der avantgardistischen Musik Tōru Takemitsus getrieben wird, drohe ich in ihm zu versinken. Zeitloses Weltkino, das auch heute noch so frisch und stark wirkt wie am ersten Tag.

ONIBABA 9,5/10
Kaneto Shindō (1964)


Da werden Weiber zu Hyänen - Mit einfachsten Mitteln erschuf Shindō Kaneto eine seltsam vibrierende, sexuell aufgeladene Atmosphäre, in der der Mensch mit dem Schilfdschungel verschmilzt. Die aufreibenden Dreharbeiten beweisen, wie schon in seinem Film DIE NACKTE INSEL, dass auch mit geringem finanziellem Aufwand ein Meisterwerk möglich ist. Ein toller schweißtreibender Film.

KWAIDAN 8,5/10
Masaki Kobayashi (1964)


Nach der Sammlung traditioneller japanischer Geistergeschichten des Wahljapaners Lafcadio Hearn, schuf Masaki Kobayashi eine großartig stilisierte Bilderorgie von einem Episodenfilm, der erzählerisch aber nicht in allen Segmenten überzeugen kann. Vor allem die beeindruckende Farbästhetik und die düstere dichte Studioatmosphäre der Geistergeschichten weiß zu begeistern. Besonders hervorheben möchte ich die Episoden DIE SCHNEEFRAU und SCHWARZES HAAR, die ich als am gelungensten empfinde. 

ANSATSU - ASSASINATION  9,5/10
Masahiro Shinoda (1964)


Die Endzeit des Tokugawa-Shogunats - Japan ist ein politischer Hexenkessel. Stilistisch mit knappem Vorsprung mein Lieblings-nicht-Kurosawa-Chambara und ein  absoluter Meilenstein des Genres. Für das tiefere Verständnis sollten einem die Fallstricke der späten von Korruption zerfressenen Bakufu-Regierung und die sich in den 1860er Jahren virusartig unter jungen Samurai ausbreitende reaktionär-revolutionäre Euphorie geläufig sein.  Kinematographisch ist Shinodas Film eine Augenweide, die komplexe Handlung benötigt aber mehr als eine Sichtung. 

AKAHIGE - ROTBART 9,5/10
Akira Kurosawa (1965)


Rotbart gehört zu den häufig vergessenen Meisterwerken Kurosawas. Ein junger arroganter Mediziner der Edo-Zeit lernt am Vorbild des griesgrämigen Klinikleiters Rotbart, was es heißt ein richtiger Arzt zu sein. Dieses medizinische Ethik und menschliche Schicksale verbindene „Krankenhausdrama“ ist Toshiro Mifunes letzte Zusammenarbeit mit Kurosawa. Ich liebe wie die Kamera die Holzmaserung der Fußböden und Stützbalken streichelt, einfach toll. 

AKAI TENSHI - RED ANGEL 9/10
Yasuzo Masumura (1966)


In meinen Augen ist RED ANGEL Masumuras bestes und wichtigstes Werk. Ein großartiger Klassiker des Antikriegsfilms, der auf der Rasierklinge zwischen Exploitation und künstlerischem Drama tanzt, ohne in den Abgrund zu stürzen. Eine junge Krankenschwester wird an die chinesische Front versetzt und erlebt das Grauen der Hospitäler, abgeschnittene Gliedmaßen, verrohte vom Krieg seelisch und körperlich verkrüppelte Soldaten, die Frauen nur noch als Projektionsfläche ihrer Obsessionen wahrnehmen. Ein schrecklich schöner Film.

JOI-UCHI: HAIRYO TSUMA SHIMATSU - SAMURAI REBELLION 9/10
Masaki Kobayashi (1967)


Ein stolzer Samurai und sein Sohn widersetzen sich den unmenschlichen Befehlen ihres Daimyo und riskieren den blutigen Untergang ihrer Familie. Einmal mehr glänzt Toshiro Mifune in diesem neben HARAKIRI wichtigsten Chambara-Streifen Kobayashis. Furios instrumentalisiert die Kamera die Architektur von Häusern und Gartenanlagen für seine Narration. Außerdem bietet der Film einige tolle Schwertkampfchoreographien, so das auch der Actionfreund zu seinem recht kommt. Ein rundum gelungener düsterer Höhepunkt des Chambara-Genre.

BARA NO SORETSU - FUNERAL PARADE OF ROSES 9/10
Toshio Matsumoto (1969)


Ein avantgardistischer Experimentalfilm, der Spielszenen mit Interviewpassagen mischt und vor keiner noch so schrägen psychedelischen Einlage zurückschreckt. Ein wahrhaft orgiastischer visueller Rausch. Als heterosexueller Mann sollte man(n) jedoch, um diesen Trip in die Tokioer Schwulenszene genießen zu können, an keiner Homophobie leiden. 

Samstag, 6. November 2010

GROßE ERWARTUNGEN - GREAT EXPECTATIONS

+++ACHTUNG!+++POLEMIK!+++ACHTUNG!+++POLEMIK!+++ACHTU

Meine Top 10 DVD-Enttäuschungen

Diese Erfahrung müsste eigentlich jeder DVD-Sammler schon einmal gemacht haben. Du bestellst dir einen Film, auf deren Veröffentlichung man sich eventuell schon Monate gefreut hat. Nach Tagen der Ungeduld hat der DHL-Bote die Lieferung schließlich beim pensionierten Nachbarn abgegeben, der, schwerhörig wie er ist, erst nach minutenlangem Sturmklingeln das Paket rausrückt. Schnell in den eigenen vier Wänden zurück legt man dann endlich die Scheibe in den Player, das Tsingtao-Bier steht kalt, der Sushi-Bringdienst war schon da, und dann…

… das G-r-a-u-e-n, das G-r-a-u-e-n ….

Dies ist keine Zusammenstellung der absolut schlechtesten japanischen Filme, sondern bezieht sich auf die Werke, bei denen bei mir die Schere zwischen den zuvor (ungerechtfertigter Weise?) geschürten Erwartungen und dem dann tatsächlich folgendem individuellen Seherlebnis, sich am weitesten öffnete. Diese Liste blickt furchtlos in diesen DVD-Abgrund des Grauens, auf dass uns der Schwindel nicht in die Tiefe reißt.

Nr.1  
CASSHERN 1/10
Kazuaki Kiriya (2004)












Willkommen in der CGI-Hölle 

Es soll ja Leute geben, die diesen hoffnungslos überbewerteten, konfusen optischen Amoklauf, als echtes Meisterwerk feiern oder zumindest als unterhaltsames Popcornkino goutieren. Bei mir löste diese wirre Graphikorgie allenfalls Kopfschmerzen und Brechreiz aus. Vielleicht sollte mal einer dem Regisseur den Sinn und Zweck eines Drehbuches erklären, oder das Filmemachen gleich ganz verbieten.

Kazuaki Kiriya hat sich damit den ersten Platz redlich verdient…

Nr.2  
BATTLE ROYALE 3/10
Kinji Fukasaku (2000)

 











Ein Kultfilm aus der Staubhölle!

Wenn man bedenkt das Regisseur Kinji Fukasaku zu seiner Glanzzeit einige Klassiker des Yakuzafilms geschaffen hat (vor allem BATTLES WITHOUT HONOR AND HUMANITY) lässt sich dieses Machwerk vielleicht noch verzeihen. Denn BATTLE ROYALE ist in meinen Augen ein heuchlerischer auf Skandal gebürsteter, von billigen Schauspielerleistungen besudelter, Exploitationreißer. Ein geradezu ekelhaftes Machwerk was aber, dank einiger weniger inszenatorischer Lichtblicke, knapp am ersten Platz vorbeigeschrammt ist.

Nr.3 
FURUSATO JAPAN - MEIN HEIMATLAND JAPAN 3/10 
Akio Nishizawa (2006)



Reaktionäre Soße! – oder – Früher war alles besser… 

Wenn man zwischen den Zeilen ließt, könnte man diesen Anime fast als reaktionär bezeichnen - Die sentimentale Verbrämung der guten alten Zeit des Wiederaufbaus, ganz im Zeichen des Opferganges der Kamikazeflieger, wirkt schon befremdlich. Hier scheinen die Macher solche Meisterwerke wie NIJUSHI NO HITOMI im Hinterkopf gehabt zu haben und verbinden das verklärte Erinnern an die Gründerjahre (wir waren arm, aber glücklich), mit einem rechtskonservativen Weltbild. Nach dem Motto: „Der heldenmutige Einsatz der Kamikazeflieger darf nicht umsonst gewesen sein, darum müssen wir uns mit ganzem Herzen dem Wiederaufbau Japans widmen!“ Da ich mich hier vielleicht etwas zu sehr reingesteigert habe, kommt dieses verlogene Filmchen nur auf den dritten Platz.

Nr.4 
IZO 4/10
Takashi Miike (2005)












Was erlauben Miike… Ein ausgereiftes Drehbuch? Wozu?

IZO macht mich richtig wütend, denn die durchaus vorhandenen guten Plotansätze hätten Takashi Miike ermöglicht einen großen Wurf zu landen. Doch leider hat der faule Sack Miike keine Zeit darauf verschwendet ein ausgereiftes Drehbuch zu entwickeln und vergeudet so leichtfertig die Chance auf ein Meisterwerk. Visuell strahlt IZO durchaus eine bizarrer Faszination aus, doch seine wirre Narration, das konfuse irrlichtern im Nirwana des Storytelling, zerstört das ganze Konzept. Traurig, traurig, was hätte dies für ein großartiger Film werden können...

Nr.5 
Lady Snowblood 2 - Love Song of Vengeance 3/10
Toshiya Fujita (1974)













Zweite Teile die die Welt nicht braucht...

Die Fortsetzung von Toshiya Fujitas LADY SNOWBLOOD ist in jeder Beziehung eine Enttäuschung. Wo ist die atmosphärische Kameraführung, die packende Inszenierung des Originals geblieben? Noch schlimmer ist aber die krude Narration, der uninspirierte an den Haaren herbeigezogene Plot, sowie die völlig aus der Luft gegriffene Wandlung des Charakters von Yuki (Meiko Kaji), deren Auftritte zu reinen Cameo-Einlagen verkommen. Anscheinend wollte das Tōei-Studio ohne großen Aufwand an den Erfolg des ersten Teils anschließen, die Kuh melken solange es geht, doch ein wenig mehr Einsatz hätte es schon sein dürfen. Das Ergebnis dürfte nur für fanatische Fans Meiko Kajis zu empfehlen sein.

Nr.6
STEAMBOY 4/10
Katsuhiro Ôtomo (2004)












Wie eine zerplatzende Christbaumkugel... 

Katsuhiro Ôtomo wird als Schöpfer des Manga-Meisterwerkes AKIRA stets einen Ehrenplatz in meinem Bücherregal behalten, aber als großer Anime-Regisseur hat er sich mit dieser Hohlfrucht schwer beschädigt. Die optische Brillanz der Animationen täuscht leider nicht über die schwache Charakterzeichnung und den faden Plot hinweg. Otomo ist auf großartige Weise gescheitert - 10 Jahre Vorbereitung und Ausarbeitung – und dann solch eine Enttäuschung. Der Löwe brüllte und gebar eine schillernde Seifenblase.

Nr.7 
Suicide Circle 3/10
Sion Sono (2002)



 

Ein David Bowie Doppelgänger macht noch keinen guten Film

Hätte ich zuvor nicht LOVE EXPOSURE gesehen, hätte… Doch im Vergleich zu seinem Meisterwerk aus dem Jahr 2008, seinem bisher mit Abstand besten Film, ist SUICIDE CIRCLE ein Haufen unausgegorener Quark, eine Aneinanderreihung von mal mehr mal weniger skurrilen Einzelszenen, die keinen echten Zusammenhang zu haben scheinen. In wenigen Momenten gelingt es Sono zwar durch erfrischend groteske Einfälle den Zuschauer zu überraschen, wie z.B. mit dem wahnwitzigen Auftritt des japanischen David Bowie Doppelgängers und seiner mörderischen Gang, doch insgesamt vermisse ich einen roten Faden der die Geschichte zusammenhält. Es scheint fast so als hätte Sono mehrere Drehbücher durch den Fleischwolf gedreht und die entstehenden Papierfetzten vollkommen sinnfrei aneinandergereiht.

Nr.8
Zatoichi Meets Yojimbo 4/10
Kihachi Okamoto (1970)












Klischee meets Langeweile
 
Mit SWORD OF DOOM, SAMURAI ASSASSIN oder auch KILL, konnte Okamoto in 1960er Jahren einige großartige Genrebeiträge abliefern. Doch dann muss irgendetwas schief gelaufen sein, denn als ich diesen Film einlegte breitete sich nur noch große Langeweile aus. Trotz Farbe wirkten die Charaktere blass und leblos, starr in ihren lange ausgelutschten Klischees verhaftet. Die Handlung verläuft in wirren Verschachtelungen und selbst die sonst bei Okamoto immer vorzügliche Bildgestaltung und Kameraführung, schien angeödet und uninspiriert. Hatte er mit einer Sinnkrise zu kämpfen? Nahmen ihm die (ob ihres Ruhmes) eitel aufgeblasenen Stars (Toshiro Mifune und Shintaro Katsu) das Zepter aus der Hand und verwandelten die Dreharbeiten in ihre ganz persönliche Egoshow? Ich weiß es nicht und es interessiert mich auch nicht. Das Ergebnis dieses Aufeinanderpralls zweier Genre-Giganten ist einfach enttäuschend!

Nr.9  
VEXILE 2/10
Sori (2007)












Sinnfreie zweitklassige Videospielaction

Meine Erwartungshaltung lehnte sich an solche coole Action-Spektakel wie den CGI-Anime APPLESEED an. Das heißt also, flotte Rave- und HipHop Rhythmen gepaart mit launiger optischer Hochglanz-Action, ohne dabei mit allzu viel Inhalt abzulenken. Doch diese (wie ich dachte realistische) Einschätzung war noch zu hoch gegriffen, denn selbst das niedrige erzählerische Niveau APPLESEEDS konnte VEXILE nicht halten und langweilte mich furchtbar mit einer dümmlichen Politik/Philosophie Soße. Wenn dann wenigstens die Actionszenen begeistern könnten, hätte dieser Film einen Platz in dieser Liste vielleicht noch vermieden, doch die billige an zweitklassige Videospiele gemahnende CGI machte selbst diese Hoffnung zunichte.

Nr.10 
Azumi - Die furchtlose Kriegerin 3/10
Ryuhei Kitamura (2003)



Der Chambara-Streifen 
den die Generation Playstation verdient (?)

Mir ist bekannt, dass dieser Film viele Fans hat, die ihn als großartigen unterhaltsamen Actionfilm lieben. Entsprechend hoffnungsvoll bestellte ich mir auch die ungeschnittene DVD. Leider zeigte sich, dass AZUMI lediglich einen fragwürdigen Versuch darstellt, einen modernen Chambara-Streifen für die Generation Playstation zu schaffen. Das Ergebnis kann inszenatorisch jedoch in keiner Weise mit den Klassikern des Genres mithalten, verlässt sich voll und ganz auf seine „coolen“ gorelastigen Schwertkämpfe und die Anziehungskraft der jungen Hauptdarstellerin, auf das vor allem männliche Zielpublikum. Splatterfreunde mögen sich an den von der Heldin durchgeführten blutigen Gemetzeln erfreuen können, mich ödete die ziemlich miese Kampfchoreographie bald nur noch an. Dazu kommt das billige Kostüm- und Setdesign, sowie der umständlich und dilettantisch erzählte Plot, der, wären die Fleisch zerfetzenden Mordanschläge nicht, aus jeder x-beliebigen amerikanischen Teenie -Seifenoper entsprungen sein könnte. Mit AZUMI (oder dem noch grauenvolleren VERSUS) hat Ryuhei Kitamura einmal mehr bewiesen, dass er nicht mehr und nicht weniger ist als der Uwe Boll Japans. Grauenhaft!

Freitag, 5. November 2010

MEIN JAPANISCHES KINO - TEIL 1 - Die 1950er


Auf Grundlage meiner 22 Filme für Einsteiger, starte ich hier den Versuch der Zusammenstellung einer ganz persönlichen Auswahl-Liste meiner Lieblingsfilme aus den letzten 6 Jahrzehnten des japanischen Kinos. Für jede Dekade wähle ich stellvertretend 10 Werke aus und stelle sie kurz vor. Für die 50er und 60er Jahre gelingt dies sicherlich problemlos, aber spätestens ab den 1980er Jahren beginnen die Schwierigkeiten. Mal sehen wie weit ich komme. Um die Dominanz eines einzelnen Filmschaffenden (z.B. Kurosawas) zu verringern, beschränke ich mich auf maximal 2 Werke eines Regisseurs pro Jahrzehnt.

Neben dem Zusammenbruch der Kinokultur in den 1970er Jahren, stellen hierbei meine nach wie vor unzureichenden Kenntnisse über die japanische Kinogeschichte, das größte Problem dar. Ein Beispiel hierfür ist etwa Masaki Kobayashis Trilogie BARFUß DURCH DIE HÖLLE (Ningen no joken), die ich immer noch nicht sehen konnte. Mit dem Erscheinen der deutschsprachigen DVD im Dezember wird sich dies aber bald ändern. Deshalb bleibt diese (ihrer Natur nach höchst subjektive) Liste selbstverständlich für zukünftige Änderungen offen.

-1950er Jahre -

TOKYO MONOGATARI (8,5/10)
Yasujirō Ozu (1953)


Stellvertretend für Ozus Spätwerk wählte ich die Reise nach Tokio, da mit Kirschblüten erst jüngst ein deutsches Quasi-Remake ins Kino kam. Dieser Film ist ein Musterbeispiel für das Alterswerk Ozus und beweist mit seiner ausgereiften Stilistik und Ästhetik einmal mehr, dass er zurecht zu den Großmeistern des japanischen Kinos zählt. Während aber z.B. Kurosawa und Mizoguchi um die Anerkennung eines weltweiten Kinopublikums buhlten, blieb Ozu eher zurückhaltend im japanischen Markt verhaftet. 
Der Zugang zu seinem Werk, fällt mir, im Vergleich zu den beiden anderen genannten Regisseuren, deutlich schwerer, was vor allem an der Wahl seiner unspektakulären Filmsujets liegt, die sich allesamt mit alltäglichen Familiengeschichten befassen. Die für einen modernen Kinogänger ungewohnt bedächtige Narration zwingt den Betrachter das eigene Tempo zu drosseln und in eine geradezu meditative Haltung zu wechseln. Ozus statische Kamera, versetzt mich in die Perspektive einer sitzenden Person, so dass ich den Platz eines stumm im Raum anwesenden Beobachters einnehme, als sei ich ein Ujigami, ein Schutzgeist, der die Geschicke der Hausbewohner verfolgt.

RASHOMON (10/10) 
Akira Kurosawa (1950)


Filmhistorisch der Film, der die Tore für das japanische Kino in den Westen aufstieß. Mit dem Gewinn des Goldenen Löwen 1951 wurden japanische Filme zu einem Dauergast auf den europäischen Filmfestivals und erschlossen sich ein neues weltweites Publikum. Mich persönlich fasziniert neben der aus verschiedenen Perspektiven erzählten Handlung, die dynamische Kamerarbeit Kurosawas, das Flirren der Schatten unter dem Blätterdach des Waldes, der Sturzbach des Regens auf dem in Trümmern liegenden Rashomon-Tor.
Nach Ryūnosuke Akutagawas Kurzgeschichten IM GEBÜSCH und RASHOMON schuf Kurosawa hier einen meiner japanischen Lieblingsfilme.

SHICHININ NO SAMURAI - Die Sieben Samurai (10/10)
Akira Kurosawa (1954) 



Nach einer alten japanischen Legende erschuf Kurosawa eine eindringliche Parabel über die Vergänglichkeit allen Heldentums, das vom ewigen Kreislauf des Lebens hinter sich gelassen wird. Nicht der tapfere Samurai, sondern die einfachen Bauern verstehen es wahrhaftig zu Leben, ordnen sich dem Kreislauf der Natur unter, lassen Dinge wachsen, während der Krieger letztendlich nur die Zerstörung kennt, ein sich von der Lebensenergie anderer nährender Parasit, ein Hund des Krieges.
Indem sich der Samurai gegen sein eigenes Wesen stemmt und den Bauern in ihrem Überlebenskampf beisteht, verurteilt er sich selbst zum Tode. Die sterbenden Krieger fallen in den Schlamm, versinken in ihm, werden wieder zu Erde. Seit dem ich diesen großartigen Abenteuerfilm als Kind gesehen habe, gehört er für mich zu meinen ewigen Top5-Kurosawas, einer der Filme die meine Leidenschaft für das japanische Kino erst entflammten.

SAIKAKU ICHIDAI ONNA - The Life of O-Haru (10/10)
Kenji Mizoguchi (1952)



Dieses emotionale Frauendrama ist einfach mein Lieblings-Film von Mizoguchi. Schon nach wenigen Minuten packte mich die tragische Lebensgeschichte O-Harus und hielt mich den ganzen melodramatischen Filmverlauf über fest im Griff.
Nicht so überfrachtet wie z.B. UGETSU MONOGATARI überzeugt der Film durch sein großes Einfühlungsvermögen, seine große Sensibilität. Das Schicksal der eigenen älteren Schwester Suzu, die seit ihrem 14. Lebensjahr als Geisha arbeiten musste, und ihm dadurch die Ausbildung finanzierte, bewegte Mizoguchi dazu das Leiden der Frauen in den Mittelpunkt seines Schaffens zu stellen. Mit Filmen wie GION NO SHIMAI und SAIKAKU ICHIDAI ONNA ging Mizoguchi damit als großer "Frauenversteher" in die Geschichte des japanischen Films ein.

UGETSU MONOGATARI 
Erzählungen unter dem Regenmond (9/10)
Kenji Mizoguchi (1953)



Auf den europäischen Filmfestivals war Mizoguchi in den 1950er Jahren ein häufiger und gern gesehener Gast. Es schien nach dem internationalen Erfolg von Kurosawas RASHOMON, als ob der eine halbe Generation ältere Mizoguchi noch einmal mit aller Kraft beweisen wollte wer der Chef im Ring ist, wer der bedeutendste lebende japanische Regisseur sei. Nach seinem Achtungserfolg auf dem Filmfestival von Venedig 1952 mit SAIKAKU ICHIDAI ONNA folgte 1953 UGETSU MONOGATARI, der den silbernen Löwen gewinnen konnte. Mizoguchi verwob in seinem Film verschiedene Elemente, eine klassische Geisterstory, die Unmenschlichkeit des Krieges und verband das Ganze mit seinem Lieblingsthema, der erniedrigten Frau. Ästhetisch ist UGETSU wohl der stärkste von Mizoguchis Filmen, die Kamera schwelgt in großartig durchkomponierten Tableaus, die Kostüme und Bauten wirken beinahe schmerzhaft schön, die erzählerische Überfrachtung macht mir aber dennoch andere seiner (weniger ambitionierten) Werke sympathischer. 

NIJUSHI NO HITOMI - 24 Augen (9/10)
Keisuke Kinoshita (1954)


Mit NIJUSHI NO HITOMI schuf Keisuke Kinoshita einen der Klassiker des sentimentalen fernöstlichen „Heimatfilms“. Das japanische Publikum mag scheinbar diese beinahe kitschigen Rührstücke. Die junge Lehrerin Hisaki erhält in einer kleinen ländlichen Schule eine neue Stelle und muss sich gegen das anfängliche Misstrauen der Dorfbewohner und die Streiche ihrer Schüler durchsetzten. Nach anfänglichen Widerständen raufen sich die Kinder und ihre junge Lehrerin aber zusammen und bilden eine verschworene Gemeinschaft. Trotz allerlei persönlicher Schicksalsschläge, z.B. dem kriegsbedingten Tod einzelner Klassenkameraden, bleibt das Band zwischen ihnen über mehrere Jahrzehnte unverbrüchlich. 
Der Film konzentriert sich, auch wenn die zeitgeschichtlichen Hintergründe zuweilen wie ein Schatten über ihrer Gemeinschaft liegen, auf das ländliche Alltagsleben, mit all seinen kleinen und großen Freuden und Ungerechtigkeiten. Der große Erfolg von NIJUSHI NO HITOMI in Japan, könnte in der großen Sehnsucht des Publikums begründet liegen, knapp 9 Jahre nach dem großen Krieg, in Nostalgie und verklärten Erinnerungen zu schwelgen. Ein Phänomen das dem geschichtsblinden Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre und seiner Flucht in die heile Welt des Heimatfilmes gleicht. Doch nur wenige Filme dieses Genre erreichen die herausragenden kinematographischen Qualitäten von Keisuke Kinoshitas sentimentalem Meisterwerk.

BIRUMA NO TATEGOTO - The Harp of Burma (9/10)
Kon Ichikawa (1957)


Am Ende des 2. Weltkrieges, über die erkaltenden Schlachtfelder Burmas stolpernd, das verwesende Fleisch der Kameraden vor Augen, sucht der Soldat Mizushima Erlösung und bemüht sich verzweifelt den Toten ihre Würde zurückzugeben.
Das japanische Kino versuchte zwar nach Leibes Kräften die Erinnerung an den zweiten Weltkrieg zu verdrängen und den Eskapismus des Publikums zu bedienen, doch es gab auch vereinzelt ernsthafte Bemühungen die Schrecken der Vergangenheit greifbar zu machen, den Versuch den Opfern, vor allem in den eigenen Reihen, eine Stimme zu geben. Die eigene Kriegsschuld blieb dabei aber, bis auf weiteres, weitgehend ausgeblendet. So auch in diesem Meisterwerk Kon Ichikawas, dass sich intensiv mit der Traumatisierung der Soldaten durch die Gräuel des Krieges befasst, ohne aber den das große Morden auslösenden Militarismus anzusprechen. Der Krieg erscheint hier eher wie eine unausweichliche Naturkatastrophe, dem die japanischen Truppen, einem Erdbeben gleich, machtlos ausgeliefert sind. Was BIRUMA NO TATEGOTO dennoch zu einem herausragenden Antikriegsfilm macht, ist zum einen die lyrische Narration, die (schrecklich) großartigen Bilder die Ichikawa findet um den Bußgang des Soldaten Mizushima zu visualisieren. Zum anderen das Verneinen des Todeskultes der japanisch kaiserlichen Armee, die das Überleben, die Kapitulation vor dem Feind, als ehrlose Tat verunglimpft und von jedem Soldaten den (sinnfreien) Heldentod verlangt. Allein dies war für das immer noch in alten Denkmustern verhaftete japanische Publikum eine Zumutung.

NARAYAMA BUSHIKO – Die Ballade von Narayama (8,5/10)
Keisuke Kinoshita (1958)


Ein abgelegenes japanisches Gebirgsdorf. Vom ewigen Überlebenskampf in der rauen Bergwelt geprägt, lebt die Gemeinschaft nach strengen Regeln. Diebstahl von Nahrungsvorräten gilt als ein todeswürdiges Verbrechen und wird entsprechend blutig geahndet. Mit erreichen des 70. Lebensjahr verlassen die Alten traditionell das Dorf und suchen den Tod an den Hängen des Nara, um so ihren Familien nicht länger zur Last zu fallen. Die ungewöhnlich rüstige Orin fühlt sich unerschütterlich an diese Tradition gebunden und zwingt ihren ältesten Sohn, nachdem sie glaubt alles in geordneten Bahnen zu hinterlassen, dazu sie der Wildnis auszusetzen.
Das japanische Kino brachte gleich zwei Fassungen dieser Novelle Shichiro Fukazawas hervor. Neben Shohei Imamuras großartiger Version aus dem Jahre 1983, steuerte Kinoshita eine weitaus ältere, schon 1958 in Farbe produzierte, ganz anders geartete Verfilmung bei. Stilistisch bedient sich NARAYAMA BUSHIKO beim traditionellen Kabuki-Theater und entwickelt in seiner streng ausbalancierten Kinematographie eine ganz eigene Sogwirkung, eine beeindruckende Stilübung, die in ihrer kunstvollen Studio-Ästhetik begeistert.

HAKUJADEN - Erzählungen einer weißen Schlange (9/10)
Taiji Yabushita (1958)


Eine weiße Schlange verwandelt sich in eine junge Frau und erringt die Liebe Xu Xians. Der in magischen Künsten bewanderte Mönch Fahai verkennt die Situation und glaubt irrtümlicher Weise, das Leben Xus sei in Gefahr. Mit aller Macht versucht er das junge Paar zu trennen, doch letztlich muss er scheitern, denn die Liebe findet immer einen Weg.
Das japanische Produktionsstudio Toei-Animation erreichte 1958 mit diesem ersten abendfüllenden farbigen Anime der japanischen Kinogeschichte seinen Durchbruch. Nach der Vorlage alter chinesischer Legenden schuf Yabushita mit HAKUJADEN einen zeitlosen Klassiker, der mich in seiner Farben-Ästhetik, seiner märchenhaften Handlung, seinen detailverliebten Animationen, auch heute noch begeistern kann.