- Widmung der symphonischen Dichtung "Tapiola" -

Da dehnen sich des Westlands Wälder, uralt, geheimnisvoll in wilden Träumen, Waldgeister weben in dem Dunkel.

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Freitag, 26. März 2010

KINKAKUJI - Der Tempelbrand

DER GOLDENE PAVILLON (Kyoto)

- Vom Schrecken der Schönheit -

Gibt es eine so reine Schönheit, dass sie schmerzt, eine Schönheit die den Menschen verzweifelt zurücklässt und ihn zu einer jämmerlichen Kreatur erniedrigt?
"Der Tempelbrand" sucht eine Antwort darauf und Mishima bejaht diese Frage ohne wenn und aber. Der Autor transportiert mit dem Roman seinen eigenen Sinn für Schönheit, die bei ihm immer in enger Nähe zum Bizarren und Abseitigen steht. Schönheit und Abscheulichkeit sind zwei Seiten einer Medaille, die sich Gegenseitig anziehen, jedoch bei Berührung negieren müssen.

Der Roman greift ein wahres Ereignis aus dem Nachkriegsjapan auf. Ein junger Priesteranwärter zündete 1950 scheinbar grundlos einen der schönsten buddhistischen Tempel des Landes an. Der Tempel wurde vollkommen zerstört. Diese Geschichte nahm Mishima als Ausgangspunkt für eines seiner besten Werke.

Der Roman berichtet aus der Perspektive des jungen Priesteranwärters Mizoguchi. Dieser Ich-Erzähler ist eigentlich ein amoralischer, äußerlich und innerlich hässlicher Mensch und somit alles andere als ein Sympathieträger. Wenn der Leser den jungen Mann auf seinem Weg zum Verbrechen begleitet, ist er zu wenig mehr als Mitleid fähig.
Der stark stotternde Mizoguchi, ist sich seiner eigenen Minderwertigkeit nur zu bewusst. Gerade durch seine abstoßende Gestalt, fühlt er sich von der Schönheit der Goldenen Halle (einem buddhistischen Tempel in Kyoto) unwiderstehlich angezogen. Zugleich bedrängt sie ihn, erniedrigt ihn mit ihrem schrecklichen Glanz. Sie wirft ihn zurück auf seine eigene jämmerliche Existenz. Und im Spiegel der puren Schönheit wird er gebrochen.
Für Mizoguchi gibt es nur einen Ausweg, er muss selbst ein Teil dieser Schönheit werden. Er muss mit dem Glanz des Tempels verschmelzen. Deshalb entscheidet er sich dazu Priester zu werden, um seinem Ideal so nahe wie irgend möglich zu kommen.

Als Kind erblickte er die goldene Halle zum ersten Mal und das Bildnis absoluter Schönheit brannte sich in sein Herz. Die physische Realität vermochte jedoch nicht diesem Traumbild seiner Kindheit standzuhalten. Schlussfolgernd kommt Mizoguchi zu einer Erkenntnis: Damit sich die Schönheit des Tempels in voller Blüte entfalten kann, muss seine Existenz ausgelöscht werden, damit die nackte Realität das Ideal der Schönheit nicht zu beschmutzen vermag.

Vorübergehend findet Mizoguchi Trost in der Gesellschaft eines neuen Freundes.
Kashiwagi wirkt trotzt seiner "Klumpfüße" äußerlich weitaus vorteilhafter, innerlich ist er jedoch eine ebensolche moralische Ruine wie Mizoguchi selbst. Die innerliche Verkommenheit des einen, spiegelt die äußere Hässlichkeit des anderen wieder. Zwei Außenseiter die zueinander finden und sich vorübergehend zu stützen versuchen. Letztlich stellt sich der intrigante schwatzhafte Kashiwagi als Irrweg heraus, nichts als eine giftig glitzernde Seifenblase.
Nun reift in Mizoguchi endgültig der Entschluss sich von der Last der Schönheit zu befreien. Da der Tempel alle Luftangriffe des Krieges (im Gegensatz zu seinen Tagträumen) überstanden hat, muss er selbst zur Tat schreiten, bevor er an der Schönheit der goldenen Halle zerbricht.

Ingesamt ist dieser Roman eine ziemlich düstere Angelegenheit, dennoch strahlt er für mich eine kaum beschreibbare Faszination aus. Die Last der Schönheit wurde noch nie so fassbar, nie so erschreckend dargestellt, wie in diesem Werk Mishimas.
"Der Tempelbrand" ist ein stilistisches Meisterstück. Leider lässt sich das von der deutschen Übersetzung aus den frühen sechziger Jahren nicht unbedingt behaupten. Sie ist etwas zu akademisch geraten und mittlerweile deutlich in die Jahre gekommen. Die deutsche Ausgabe könnte also eine gründliche Entrümpelung vertragen. Da die Aussicht auf eine Neuübersetzung nicht gegeben ist, müssen die deutschsprachigen Leser aber froh sein überhaupt in den Genuss dieses Hauptwerk der mittleren Schaffensperiode des Autors zu gelangen. Der in Deutschland 1961 erstmals erschienene Roman, ist mittlerweile, wie die meisten Werke Mishimas, nur noch gebraucht zu erwerben.

Kommentare:

  1. Hast Du die deutsche Übersetzung mal mit der englischen Ausgabe verglichen?

    Und noch eine Frage: Welchen Roman würdest Du als Einstieg ins Werk Mishimas empfehlen?

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  2. Ich besitze lediglich die englische Fassung von FORBIDDEN COLORS, da es keine deutsche Übersetzung davon gibt.

    Meine Kritik an der deutschen Fassung bezieht sich auf den Vergleich mit den Übersetzungen seiner anderen Werke, die sprachlich durchweg besser gelungen sind (andere Übersetzer/innen!). Das Deutsch wirkt im Falle vom TEMPELBRAND einfach ein wenig umständlich und sperrig. Dennoch bleibt das Werk aber lesbar. Zur englischen Fassung kann ich nichts sagen.

    Als Einstieg würde ich DER SEEMANN DER DIE SEE VERRIEHT (mein Lieblingsbuch von ihm), LIEBESDURST und DIE BRANDUNG (im Sammelband TOD IM HOCHSOMMER erhältlich) empfehlen. Alles etwas kürzere und nicht so überambitionierte Werke, die weniger von Manierismen durchzogen sind wie viele seiner umfangreicheren späteren Romane (z.B. FORBIDDEN COLORS).

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  3. Vielen Dank! Werde mir die Sachen beizeiten zulegen.

    Hier noch ein Link: http://www.lesfilmsliberentlatete.com/2010/11/yukio-mishima-25-novembre-1970.html

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  4. Der reale Vorgang von 1950 bzw. Mishimas Bearbeitung bilden auch die Grundlage für Kon Ichikawas Film Enjô von 1958. Allerdings weicht Ichikawa in einigen Punkten vom Roman, wie Du ihn schilderst, ab. Mizoguchi, der von Raizô Ichikawa (sonst eigentlich eher ein Action-Held) überzeugend gespielt wird, ist im Film ein labiler, aber nicht unsympathischer (und äußerlich keineswegs abstoßender) junger Mann, der seinen toten Vater, der Priester war, verehrt, und seine noch lebende Mutter verachtet, weil sie den Vater betrogen hatte. Auch er gerät in den Bann des etwas älteren klumpfüßigen vermeintlichen Freundes und muss erkennen, dass er ein Zyniker ist, der zu Freundschaft und anderen Beziehungen weder fähig noch willens ist.

    Eine weitere Enttäuschung bietet der von Ganjiro Nakamura gespielte Abt des Klosters, der zunächst als spirituelle Autorität erscheint. Doch er öffnet den Tempel der Einnahmen wegen den Touristen, was Mizoguchi als Entweihung empfindet, und es stellt sich heraus, dass der doch nicht so fromme Mann in der Stadt eine Geliebte hat. So erleidet Mizoguchi eine Desillusionierung nach der anderen, und seine Tat ist letztlich ein Akt der Verzweiflung - somit eigentlich viel bodenständiger und nachvollziehbarer als bei der Romanfigur, deren Motivation in deiner Beschreibung ja doch recht esoterisch klingt. Trotzdem hat die Tat auch bei Ichikawa noch etwas Unfassbares, man kann dem Film also keine zu vordergründige Psychologisierung vorwerfen.

    Ichikawa setzt die Tempel-Architektur ausführlich ins Bild, und Kazuo Miyagawa führt die Kamera. Leider kenne ich den Film nur von einer DVD-R mit schlechter Bildqualität. In guter Qualität wäre der Film wahrscheinlich ein ähnlicher optischer Genuss wie Kobayashis Samurai Rebellion. Donald Richie hebt das in "A Hundred Years of Japanese Film" ebenfalls hervor und bezeichnet ENJÔ darin als Ichikawas besten Film.

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  5. Ich hab noch vergessen zu erwähnen, dass der zynische Freund von Tatsuya Nakadai sehr eindrucksvoll gespielt wird, und dass Toshiro Mayuzumi, der die Musik zu Ichikawas Film schrieb, 1976 aus dem Stoff auch noch eine Oper gemacht hat.

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