- Widmung der symphonischen Dichtung "Tapiola" -

Da dehnen sich des Westlands Wälder, uralt, geheimnisvoll in wilden Träumen, Waldgeister weben in dem Dunkel.

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Sonntag, 31. Oktober 2010

KÜRZLICH GESEHEN...

Yasuzo Masumura (1957) 7,5/10

Zur damaligen Zeit galt dieser zahme und heute fast naiv unschuldig wirkende Film als Provokation, ein Ausbruch aus gesellschaftlichen und filmhandwerklichen Zwängen. Die Zeit ging nicht spurlos an diesem Werk vorbei, aber dennoch bleiben einige schöne Kameraeinstellungen und die Zärtlichkeit, die zaghafte Anziehung, der beiden jungen Liebenden im Herzen des heutigen Zuschauers haften.  Ein schöner Film.

NANJING! NANJING!
Lu Chuan (2009) 8,5/10

In schrecklich schönen Schwarz-Weiß-Bildern lässt Lu Chuan das größte Verbrechen der japanisch kaiserlichen Armee nachstellen, das Massaker des Jahreswechsels 1937/1938 in Nanjing. Ein Film der ihm weder in China, noch in Japan viele Freunde gemacht hat.  
Siehe hier meine ausführliche Rezension.

LOVE LETTER
Shunji Iwai (1995) 9/10

Manche Tipps, besonders die von schneesüchtigen Bloggern, erweisen sich als goldrichtig. So beschaffte ich mir die englisch untertitelte koreanische DVD dieses Films von Shunji Iwai. LOVE LETTER ist einer der Filme für die das Wort "Kitsch" erst erfunden worden scheint, ist also genau das, wovor es mir bis vor etwa 10 Jahren gegraust hätte. Doch nachdem ich meine Aversion gegenüber dem Gefühlskino Stück für Stück demontiert habe, hat sich das zum Glück geändert. Iwais Film ist ein in Schnee getauchter sentimentaler Traum, der trotz wunderschön gefilmter, in winterlicher Kälte erstarrter Landschaften und Straßen, eine wohlige menschliche Wärme ausstrahlt. Der Unfalltod eines jungen Mannes stürzt eine ganze Reihe von Menschen, seine Freunde und die Familie, in tiefe Trauer. Auch zwei Jahre danach kann die Verlobte den Verlust nicht verwinden. Nach einer an den Toten erinnernden Zeremonie besucht die junge Frau seine Mutter und findet in einem alten Jahrbuch die postalische Anschrift seiner Heimatstadt. Sie schreibt einen Brief an die Adresse, ohne dabei auf eine Reaktion zu hoffen. Doch vollkommen überraschend erhält sie Antwort von einer jungen Frau, die zufälliger Weise den selben Vor- und Nachnamen hat wie ihr Verlobter. Es stellt sich heraus, dass sie mit ihm sogar gemeinsam die Schule besucht hat. Ein reger Briefwechsel folgt, der allen Beteiligten hilft ihr erschüttertes Seelenleben neu zu ordnen. LOVE LETTERS ist ganz großes Gefühlskino, eine melancholische Winterreise ins Herz menschlicher Trauer. Zwar bleibt YENTOWN mein Lieblings-Iwai, ein im Vergleich zur glatt polierten Oberfläche dieses Filmes eher ungeschliffener Diamant, aber LOVE LETTERS folgt schon dicht dahinter.     

BELLADONNA
Eiichi Yamamoto (1973) 8/10

Jeanne, ein junges Bauernmädchen, wird in ihrer Hochzeitsnacht von ihrem Lehnsherren vergewaltigt. Körperlich und seelisch zerstört, entschlüpft ihr der Wunsch nach Vergeltung, ein kleiner Teufel der in gleicher Weise wächst, wie ihr Hass zu wuchern beginnt. Das Teufelchen lässt ihre Wünsche in Erfüllung gehen, doch am Ende kehren sich alle Wünsche gegen sie.
Nach einem Konzept von Osamu Tezuka schuf Yamamoto einen Klassiker des 1970er Animes, der auch heute noch wirkungsvoll bleibt. Die Animationen sind auf das notwendigste reduziert und der Film wird durch seine kunstvoll gemahlten Tableaus bestimmt, über die die Kamera wandert. Das Werk ist offensichtlich ein Kind seiner Zeit, was sich in der psychedelischen Bilderflut und der Musik manifestiert. Auch die feministisch politische Schlussbotschaft des Films wirkt aufgesetzt und aus heutiger Sicht geradezu an den Haaren herbeigezogen. Dennoch beeindruckt der Film durch seine kühne visuelle Kraft, seine hemmungslose Sexualität, die in ihrer grellen Ornamentik bei den Machern LSD Konsum vermuten lässt.

THE COVE – Die Bucht
Ric O’Berry/Louie Psihoyos (2008) 7/10

THE COVE gewann 2009 den Oscar als Bester Dokumentarfilm. Ganz in der Tradition amerikanischer „Doku-Propaganda“ wie BOWLING FOR COLUMBINE oder FAHRENHEIT 9/11 pfeift THE COVE auf einen objektiven Standpunkt und ergreift ganz offen Partei für das von ihm verfolgte Ziel. Mag der ehemalige Flippertrainers O’Berry auch noch so ehrenwerte Absichten verfolgen  und der Schutz der Delfine ist dies ganz sicherlich, verspüre ich bei derart hemmungslos vorgetragener Polemik ein gewisses Unwohlsein in der Magengegend. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich das dargestellte Delfinabschlachten in einer japanischen Meeresbucht, nicht als unsinnige Tierquälerei verurteilen würde. Genauso wie ich Massentierhaltung und Legebatterien ablehne. Aber die emotionale Manipulation dieser Doku beleidigt einfach meinen aufgeklärten Verstand, denn ich lasse mich nicht gerne derart plump manipulieren. Rein formal ist THE COVE aber natürlich eine wirklich gekonnt auf der Klaviatur menschlichen Mitleids spielende Polemik, allein dafür hat die Dokumentation eine hohe Wertung verdient.    

KINDER, MÜTTER UND EIN GENERAL
Laslo Benedek (1955) 8/10

Eine Gruppe von Müttern folgt ihren indoktrinierten minderjährigen Söhnen 1945 an die rasch näher rückende Ostfront, um sie vor dem Heldentod zu bewahren. Die Söhne denken jedoch gar nicht daran freiwillig ihre Uniformen abzulegen, sie wollen Kämpfen, bis zum Endsieg. Dieser Klassiker des deutschen Antikriegsfilmes entstand gut 4 Jahre vor dem berühmteren DIE BRÜCKE und wurde mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Zahlreiche bekannte deutsche Darsteller wirkten mit, unter anderem Bernhard Wicki, Maximilian Schell und Klaus Kinski. Besonders die wenigen gemeinsamen Szenen Maximilian Schells und von Kinski sind ein Höhepunkt des Films. Ein desillusionierter Soldat (Schell) hat keine Lust mehr zu kämpfen und streift seine Uniform ab. Der fanatische junge Offizier (Kinski) lässt den Deserteur per Standgericht erschießen. Werner Herzog nannte in seiner Doku MEIN GELIEBTER FEIND Kinskis beeindruckenden Auftritt, den er durch zwei Ausschnitte belegt, eine wichtige Inspirationsquelle für seinen künstlerischen Lebensweg.

PROFOUND DESIRES OF THE GODS
Shohei Imamura (1968) 8/10

Ein bei Imamura immer wieder kehrendes Thema sind abgeschlossene Gemeinschaften von Menschen, z.B. das kleine Dorf in NARAYAMA oder die abgeschiedene Insel Kurage in PROFOUND DESIRES OF THE GODS.  Die weit im Süden Japans gelegene Insel wird von einer kleinen Dorfgemeinschaft bewohnt, die durch die über Generationen andauernde Isolation unter den Folgen der Inzucht zu leiden hat. Ihr Leben wird durch den Glauben an ihre Götter und archaische Traditionen geprägt. Als die Moderne, verkörpert durch einen Ingenieur, in ihre abgeschlossene Welt hereinbricht, beginnt  ihre Gemeinschaft rasch zu zerfallen. Die zahlreichen Großaufnahmen wilder Inseltiere, von Fischen, Eulen und Schlangen, verweisen stilistisch schon auf Imamuras zukünftiges Meisterwerk NARAYAMA, nur das dort die Handlung durch die alte Legende einen stringenteren Verlauf nimmt.  Man könnte PROFOUND DESIRES also durchaus als eine Fingerübung für NARAYAMA bezeichnen. Dennoch hat der Film in seiner tropischen Opulenz, seiner sexuell verrotteten Hitze, eine ganz eigenständige Qualität. Mein persönlicher Höhepunkt des Films sind aber die Auftritte des Inselbarden, der mit angeklebter Hakennase seine uralten Weisen zum Besten gibt.

CITY OF LIFE AND DEATH – NANJING! NANJING! (8,5/10)

Lu Chuan 



Mit KEKEXILI: Mountain Patrol konnte Lun Chuan vor einigen Jahren schon einmal einen überzeugenden Film abliefern. Ein von atemberaubenden Landschaftsaufnahmen des tibetanischen Hochlandes geprägtes existenzialistisches Drama. Doch es dauerte ein halbes Jahrzehnt, bis er mit einem weiteren groß angelegten Spielfilm seine Regiearbeit fortsetzte. 
 Wer Florian Gallenbergers mittelprächtigen JOHN RABE kennt, wird sich vielleicht denken: Schon wieder ein Nanjing-Film? War dieser deutsche TV-Spiel-Ästhetik und Hollywoodschwulst verzwirbelnde Tränendrüsendrücker nicht schon genug? Meine Antwort dazu - ein klares NEIN(!), denn Lu Chuans Film spielt in jeder Beziehung in einer ganz anderen Liga als die deutsche Koproduktion.
 
Einzug japanischer Truppen in Nanjing

Im Jahr 1937 gelangte der schon lange schwelende japanisch-chinesische Konflikt in eine neue Phase und die japanisch kaiserliche Armee überfiel von der schon 1931 besetzten Mandschurei aus das vom Bürgerkrieg zerrissene China. Japans aggressiver Imperialismus, den europäischen Allmachtsphantasien nacheifernd, hatte es sich zum Ziel gesetzt ganz Asien vom Kolonialismus zu befreien und ihn durch eine japanisch beherrschte Wohlstandssphäre zu ersetzen. Innerhalb weniger Wochen besetzte die japanische Armee weite Teile der küstennahen Gebiete Chinas und drang bis zur Hauptstadt der Kuomintang Regierung in Nanjing vor. Als die Japaner vor den Toren der Stadt auftauchten, war Chiang Kai-shek längst mit seiner Regierung geflohen und überließ die Stadt mit einer minimalen Verteidigung dem Feind. Fast kampflos konnten die japanischen Truppen zunächst Nanjing besetzen, um aber dann in erbitterte und verlustreiche Häuserkämpfe mit den in der Stadt verbliebenen Resten der chinesischen Armee verwickelt zu werden. Innerhalb weniger Tage war aber auch dieser verzweifelte Widerstand gebrochen. Durch die eigenen hohen Verluste geschockt, nahm die japanische Armee blutige Rache an den Kriegsgefangenen und der in der Stadt verbliebenen Zivilbevölkerung. Innerhalb kürzester Zeit starben ca. 100.000 bis 300.000 Menschen und Zehntausende Frauen wurden vergewaltigt. Ein auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatz einmaliges Kriegsverbrechen. Die europäisch amerikanische Kolonie der Stadt organisierte, unter Leitung des deutschen Geschäftsmannes John Rabe, eine Schutzzone, in der ca. 300.000 Menschen zuflucht suchten, bis schließlich der Blutrausch der japanischen Armee abebbte.
 

In großer Schonungslosigkeit berichtet der Film, fast dokumentarisch, von den Gräueln der japanisch kaiserlichen Armee in den Straßen Nanjings. Chuan verzichtet dabei aber zum Glück auf unnötig explizite Detail- und Großaufnahmen der blutigen Gewaltakte, sondern bewahrt einen gewissen Abstand, was den Film erst für ein größeres Publikum erträglich macht. Die distanziert dargestellte Gewalt, die Entmenschlichung der Opfer, die Abstumpfung der Täter, das ganz beiläufige Töten, verdeutlicht auch so schon das Grauen dieser Wochen des Jahreswechsels 1937/1938. (Dennoch haben sich Überlebende der Massaker über die verharmlosende Darstellung der Gewalt in dem Film beschwert.)


NANJING! NANJING! ist in ineinander übergehende Episoden unterteilt. Gleich der erste Abschnitt ist aber auch zugleich der schwächste Teil des Films. Die konventionell abgefilmten Kampfhandlungen, der unübersichtliche Häuserkampf, erinnert an vergleichbare Inszenierungen der letzten Jahre, braucht sich aber technisch auch nicht hinter amerikanischen Produktionen zu verstecken. Mit der Kapitulation der letzten chinesischen Verteidiger und der anschließenden Massenerschießung der Kriegsgefangenen, nimmt der Film in seiner Intensität noch einmal zu, was auch daran liegt, dass der Zuschauer erst nach und nach die wichtigsten Charaktere kennen lernt und damit beginnt sich in den verschiedenen Erzählsträngen zurecht zu finden. Sind die Protagonisten jedoch erstmal etabliert, gerät man in den Sog der Bilder. Die großartige Schwarz-Weiß Kinematographie entwickelt eine unglaubliche Wucht, und glänzt mit erschreckend schön komponierten Stadtansichten der Trümmerwüste Nanjings und den darin um ihr Überleben kämpfenden Menschen.
 

Auffällig ist der gedämpfte Tonfall der Inszenierung, der auf den in ähnlichen chinesischen Produktionen sonst üblichen vor Pathos triefenden Patriotismus, mit Ausnahme von ein oder zwei Szenen, weitgehend verzichtet. Aber selbst in diesen besagten Szenen, z.B. der Massenerschießung von Kriegsgefangenen, ist es gerade die verhältnismäßig große Nüchternheit mit der diese Kriegsverbrechen nachgestellt werden, die mich als Zuschauer beeindruckt. Eine insgesamt wirklich wohltuend zurückgenommene Narration, die die Bilder für sich sprechen lässt. Auffällig in diesem Zusammenhang ist auch die äußerst reduziert eingesetzte Filmmusik, die in einer vergleichbaren Hollywoodproduktion die Bilder vermutlich mit emotionalem Kitsch ertränken würde (z.B. SCHINDLERS LISTE oder JAMES RYAN).


Besonders bewegt haben mich die Szenen mit den zur Prostitution gezwungenen Trostfrauen, die den japanischen Besatzern zu Willen sein mussten, eine fast industriell wirkende Massenvergewaltigung. Aber der heimliche Star dieses Ensemble-Film ist die Figur des Offiziers Kadokawa (Hideo Nakaizumi) die den Japanern ein menschliches Gesicht gibt, das verdeutlicht, dass selbstverständlich nicht alle an den Kriegsverbrechen beteiligten Soldaten gefühlskalte Bestien gewesen sind, sondern viele unter ihnen von Zweifeln und eigenen Ängsten gequälte Individuen waren, die sich dem von der Heeresleitung befohlenen Morden und dem im Gruppenzwang sich verselbständigenden Blutrausch, nicht zu entziehen vermochten. 
Eine der für mich visuell stärksten Szene ist die Siegesparade der japanischen Soldaten, an der sich Kadokawa unter den Augen chinesischer Kriegsgefangener beteiligt. Im Rhythmus der Taiko tanzen sich die Soldaten in eine seltsam ritualisierte Trance. Einfach großartig! 
Mit dem folgenden Tod Kadokawas übertreibt es Luan vielleicht mit dem Symbolgehalt der Figur, der quasi stellvertretend für seine Kameraden Buße tut, aber egal, insgesamt überwiegt der positive Gesamteindruck, zumal alle Hauptpersonen, auch Kadokawa, auf historisch verbürgte Persönlichkeiten beruhen. 
Die Tatsache an sich, dass Chuan versucht den japanischen Soldaten ein menschliches Gesicht zu geben, hat in China hohe Wellen geschlagen, da im chinesischen Kino japanische Soldaten stets als Karikatur, als grausame Bestien, dargestellt wurden. Hier kann man einen interessanten Artikel zu den Dreharbeiten und der Vermarktung des Films nachlesen. 


Bis heute verweigern sich weite Teile der japanischen Öffentlichkeit den historischen Tatsachen und versuchen die Ereignisse des Dezembers 1937 entweder komplett totzuschweigen oder als gewöhnliche kriegsbedingte Kollateralschäden zu verharmlosen. Lu Chuan fiel es deshalb schwer namhafte japanische Schauspieler zu verpflichten, da sie um ihr Renommee in der heimischen Filmindustrie bangen mussten. Ein in Deutschland bei vergleichbaren Filmprojekten über deutsche Kriegsverbrechen undenkbarer Vorgang.
Insgesamt ist Lu Chuan mit NANJING! NANJING! ein beeindruckender Antikriegsfilm gelungen, der trotz kleinerer Mängel gerade durch seine Nüchternheit überzeugt. Qualitativ gleichwertiges habe ich bei thematisch ähnlich gelagerten chinesischen Filmen (z.B. dem fragwürdigen Exploitationreißer BLACK SUN: The Nanking Massacre) noch nicht gesehen.

Titel: CITY OF LIFE AND DEATH – NANJING! NANJING!
Regie: Lu Chuan
Entstehungsjahr: 2009
Länge: 135 Minuten
Blu-Ray: NEW KSM
Ton: Mandarin/Japanisch, Deutsch/Japanisch 

Untertitel: Deutsch

Sonntag, 24. Oktober 2010

KÜRZLICH GESEHEN...

MANJI
Yasuzo Masumura (1964) 6/10

Nach einem Drehbuch von Kaneto Shindo schuf Masumura hier einen aufgrund seiner Thematisierung lesbischer Liebe und sexueller Hörigkeit zur damaligen Zeit sicherlich kontroversen Film, der in seiner bemühten Theatralik heute eher unfreiwillig komisch wirkt. Besonders nervtötend empfand ich das überzogene hysterische Spiel der Hauptdarstellerin Kyoko Kishida, die ich aus DIE FRAU IN DEN DÜNEN eigentlich in guter Erinnerung hatte. MANJI ist gerade im Vergleich zu Masumuras späteren Meisterwerken wie RED ANGEL oder BLIND BEAST eine große Enttäuschung.   

KUROI AME  - Schwarzer Regen
Shohei Imamura (1989) 9/10

Die Verfilmung des Romans von Masuji Ibuse, dem wohl bekanntesten Vertreter der „Bomben-Literatur“, ist Imamuras letzter wirklich groß angelegter Spielfilm. In Schwarz-Weiß gedreht, erzählt er in zwei Zeitebenen von den tragischen Folgen des amerikanischen Atombombenabwurfes auf Hiroshima. Auf anrührende Weise verdeutlicht Imamura am Beispiel einer japanischen Familie, wie nachhaltig Krieg das Leben der Menschen zerstören kann. Nach KUROI AME folgten kleinere weniger aufwendige Produktionen wie DER AAL oder WARM WATER… In meinen Augen ist Imamura mit dieser Literaturverfilmung  sein letztes (mir bekanntes) uneingeschränktes Meisterwerk gelungen.

WARM WATER UNDER A RED BRIDGE
Shohei Imamura (2001) 7,5/10

Ein humorvoller besonderer kleiner Film, der mit seinen schrägen Einfällen und Figuren das Interesse des Zuschauers durchgängig aufrechterhalten kann, aber insgesamt nicht an die großen Klassiker Imamuras heranreicht. Nie wurde weibliche Lustbefriedigung anschaulicher und eruptiver in einem Film visualisiert. Angesichts dieser besitzergreifenden Sirene muss jeder männlicher Egozentrismus in sich zusammenfallen.
 
THE PORNOGRAPHERS
Shohei Imamura (1966) 8/10

Ein früher, stilistisch der japanischen Nouvelle Vague zuzuzählender, vor schrägen Ideen überquellender Schwarz-Weiß-Film Imamuras, der schon die kommenden Exzesse des japanischen Extremkinos der 70er Jahre andeutet.  Ein Produzent billiger Pornofilme heiratet die verwitwete Inhaberin eines Frisörsalons und bemüht sich vergebens dem Einfluss der Yakuza zu entziehen. Heimlich, unter den Augen ihres als Karpfen reinkarnierten Vaters, bedrängt er die Tochter seiner Frau und missbraucht sie schließlich. Nachdem die Ehefrau geistig verwirrt in einer Nervenklinik stirbt, verliert der Ehemann jedes Lustempfinden und verbringt die nächsten Jahre auf einem Boot damit die perfekte Frau als Sexpuppe zu erschaffen. So seltsam sich die Handlung anhört, so bizarr ist der Film auch. Ein visuell experimentierfreudiges zuweilen aufregendes Werk, das sich aber in der eigenen verschlungenen Handlung zu verlieren droht.        

THE STRANGE SAGA OF HIROSHI THE FREELOADING SEX MACHINE
Yuji Tajiri  (2005) 7/10

Ein humorvoller Vertreter des japanischen Pink-Films, der mit seinen verrückten Einfällen, seiner äußerst vitalen Visualisierung des Geschlechtsaktes, mir ein Grinsen aufs Gesicht zaubert. Eine schräge Sex-Klamotte, wie sie nur aus Japan kommen kann. Grillen-Sumo muss ein aufregender Sport sein!

TATTOOED FLOWER VASE
Masaru Konuma (1976) 6/10

Ein weiterer Pink-Film (Pinku eiga) der visuell sehr hochklassig daherkommt, seine schwache Handlung, die nicht von ungefähr an IREZUMI erinnert, damit aber kaum kaschieren kann.

TOKYO FIST
Shinya Tsukamoto (1995) 3/10

Ein ziemlich billiges Machwerk von Tsukamoto, der durch seinen Film TETSUO – THE IRON MAN in Fankreisen des japanischen Extremkinos eine gewisse Berühmtheit erlangte. Die drastische blutspritzende Inszenierung der Boxkämpfe, versucht wohl die dünne Handlung, in ihrer einfältigen Verschränkung von Sex, Eifersucht und Gewalt, mit Eimern roter Farbe zuzukleistern. Einzig die ein oder andere visuelle Spielerei weiß zu gefallen. Insgesamt entbehrlich.

HAZE
Shinya Tsukamoto (2005) 6/10

Hier gelingt Tsukamoto eine durchaus bedrückende atmosphärische Darstellung klaustrophobischer Enge. Man fühlt als Zuschauer beinahe körperlich die Finsternis und Angst, der wie Labormäuse in einem Beton-Labyrinth eingeschlossenen Protagonisten. Die Verwandtschaft zum bekannteren CUBE ist offensichtlich. Der surreal inszenierte Schluss des Films lässt vermuten, dass Tsukamoto ein großer Fan von Kubriks 2001 ist. Am Ende bleiben alle Frage über Sinn und Unsinn des Betonsarges offen und der Zuschauer kann sich in wildeste Interpretationen versteigen. Er kann es aber auch, so wie ich, lassen.     

JITSUROKU ABE SADA – A Woman called Abe Sada
Noburo Tanaka (1975) 7,5/10

Im Schatten des auf dem gleichen historisch belegten Kriminalfall fußenden IM REICH DER SINNE (AI NO KORIDA) muss dieses Werk um seine Anerkennung kämpfen. Und tatsächlich, insgesamt gefällt mir der aufwendiger produzierte Film von Nagisa Oshima mehr. Dennoch schafft es Tanakas Version eine ganz eigene Sicht auf den Fall zu entwickeln. Die zerstörerische, alle Rationalität verleugnende Leidenschaft gegenseitiger sexueller Abhängigkeit, wurde nur selten ähnlich eindringlich und radikal inszeniert.

VENGEANCE
Johnnie To (2009) 7,5/10

Der für seine im Triaden-Milieu angesiedelten Action-Reißer bekannte Hongkong-Regisseur Johnnie To, versuchte hier mit der Schaffung eines klassischen Revenge-Movies auf den Erfolg auf dem internationalen Kinomarkt zu schielen. Dies gelingt durch seine düster polierte Oberfläche und den überzogen stilisierten Schießereien auch sehr gut. Der Film kann somit vor allem atmosphärisch und in den Actionszenen punkten. Die Handlung selbst bietet leider nur die genreüblichen Stereotype, stört aber damit auch nicht weiter den visuellen Genuss.

ALL ABOUT LILY CHOU-CHOU
Shunji Iwai (2001) 8,5/10

Eine wirklich großartige Studie der japanischen Jugend, in all ihrer bittersüßen Sehnsucht, ihrer orientierungslosen Verzweiflung, in ihrer enthemmten Grausamkeit. Das Grün der Felder erstrahlt in beinahe irrealer Intensität und kontrastiert mit dem melancholischen Lebensgefühl der Protagonisten. Zwar begeistert mich Iwais YENTOWN noch ein Stückweit mehr, aber mit ALL  ABOUT… hat er einen weiteren  beeindruckenden Film geschaffen, wie es viel zu wenige, ob in Japan oder dem Rest der Welt, in unsere Kinos schaffen.

Dienstag, 19. Oktober 2010

BATTLE ROYALE – oder - Ein Kultstreifen aus der Staubhölle (3/10)


So ein Umzug ist schon eine scheußliche Sache, 
alles kommt durcheinander und nichts findet man wieder.


Neulich versuchte ich Ordnung in mein umzugsbedingt durcheinander geratenes DVD-Regal zu bringen. Mich durch dicke Staubschichten kämpfend, drang ich dabei in lange vergessene Regionen meiner Sammlung vor. Neben verschollen geglaubten Schätzen, tritt dabei aber auch die eine oder andere Enttäuschung zu Tage.  Ein besonders trauriges Beispiel dieser Kategorie ist für mich BATTLE ROYALE. Wie bei "Kultfilmen" üblich, verbreitet sich ihr Ruf als "Geheimtipp" rasend schnell im WWW und wer sich in seinem Egozentrismus dazu versteigt zur Cineasten-Avantgarde zählen zu wollen, muss auf den fahrenden Zug aufspringen. Nach langem Zögern erlag auch ich der Versuchung. 
Ich weiß nicht ob sich noch alle daran erinnern, aber damals als BR in Deutschland veröffentlicht wurde, kochte das Thema Gewalt an Schulen, aus traurigem aktuellen Anlass, hoch und die üblichen Verdächtigen, gewaltverherrlichende Videospiele, Musik und Filme, zu laxe Waffengesetze, wurden in den Leitmedien an den Pranger gestellt. Die Sensorik von FSK und USK war entsprechend des aufgeregten gesellschaftlichen Diskurses besonders sensibilisiert. Schüler die Schüler auf möglichst abwechslungsreiche Weise abschlachten, dieses Werk hatte allein aufgrund seiner Thematik, unabhängig vom tatsächlich dargestellten Gewaltlevel, keine Chance auf Gnade in den Gremien der Filmwächter. So gelangte zunächst nur eine stark verstümmelte DVD auf den deutschen Markt, bevor dann (beinahe unbemerkt) eine juristisch geprüfte Uncut-Fassung nachgeschoben wurde. Als mündiger Bürger wollte ich mir natürlich eine eigene Meinung bilden und beschaffte mir deshalb diese zweite Fassung. 


Der geradezu legendäre Ruf der BR vorauseilte ließ meine Erwartungen entsprechend in die Höhe schnellen. Der Film solle, so hieß es, neben seiner großartigen Action einen kritischen Diskurs über Gewalt anstoßen und auch kinematographisch voll überzeugen, also ein von spießigen Bildungsbürgern verkanntes Meisterwerk. 
Doch wie das so ist mit Kultfilmen, allzu oft können sie den aufgetürmten Erwartungen nicht standhalten. So auch in diesem Fall, denn das was ich dann zu sehen bekam, war weit davon entfernt das Meisterwerk zu sein, welches mir zuvor in den einschlägigen Film-Foren versprochen wurde.         
Ganz im Gegenteil. Meiner Meinung nach ist BR ein übles Machwerk, das vollständig auf den billigen Effekt setzt und den kritischen Diskurs über das Thema Gewalt in der Schule, Gewaltmonopol des Staates, verrohte Gesellschaft und Jugend, nur vorheuchelt. Dies ist nichts als Exploitation, die das ernste Thema für seine kommerziellen Zwecke, den inszenierten Skandal instrumentalisiert. Ich empfinde dies als geradezu ekelhaft. 

Battles Without Honor and Humanity

Regisseur Kinji Fukasaku hatte zu seiner Glanzzeit einige Klassiker des Yakuzafilms geschaffen, hier ist vor allem BATTLES WITHOUT HONOR AND HUMANITY zu nennen, doch anscheinend waren seine handwerklichen Fähigkeiten (krankheitsbedingt?) während der Dreharbeiten von BR schon merklich eingeschränkt. Die Inszenierung des Films präsentiert sich zwar durchaus mit routinierter effektvoller Lässigkeit, kann aber nicht an die Qualität seiner Werke aus den 1970er Jahren heranreichen. Abgesehen von der lauwarmen Kinematographie, zieht sich die Handlung furchtbar zäh und schleppt sich (bis auf einzelne inszenatorische Glanzlichter, z.B. die Leuchtturmszene!) von trashiger Gewaltszene zu Gewaltszene. Auch das schrecklich überzogene Spiel der jugendlichen Laien-Darsteller kann, mit wenigen Ausnahmen, das Niveau einer Schulaufführung nicht übertreffen. Zumindest die im Soundtrack zum Einsatz gekommene - das Gesehene qualitativ weit überragende - klassische Musik bietet einige Höhepunkte für das Ohr.


Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht, ich habe nichts gegen Exploitation, vor allem wenn sie nicht vorgibt mehr zu sein als pure Unterhaltung (z.B. OKAMI-Reihe) oder künstlerisch so gelungen mit dem Arthouse-Kino verschränkt wird wie in den SASORI-Streifen.  
Vielleicht begründet sich meine tiefe Enttäuschung über diesen berüchtigten "Kultstreifen" zu einem guten Teil aus dem Kontrast zwischen dem begeisterten Ruf der BR vorauseilt und dem tatsächlichen individuellen Filmerlebnis, welches ich dann "genießen" musste.
Ein gewisser amerikanischer Kultregisseur nennt BATTLE ROYALE den besten Film der letzten 20 Jahre. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf den Filmgeschmack des Flickenteppichkönigs des Kinos, der mit seiner Zitat-Hölle KILL BILL versuchte seinen (großteils asiatischen) Vorbildern des Exploitation-Kinos ein Denkmal zu setzen.

Übrigens, ich halte Tarantinos KILL BILL, abgesehen von seinen deutlich höheren inszenatorischen Qualitäten, für weitaus ehrlicher als BR, da er nie behauptet mehr zu sein als pure Unterhaltung und ist für mich damit folgerichtig auch der überzeugendere Film.
Wie man hört soll es aber demnächst eine auf 3D aufgepumpte Neufassung von BATTLE ROYALE geben. Die Kuh ist also noch nicht vom Eis...


Titel: Batoru rowaiaru - Battle Royale
Regie:
Kinji Fukasaku
Entstehungsjahr: 2000
Länge: 113 Minuten KC / 121 Minuten DC
DVD:
Marketing Film
Ton: Japanisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch

Montag, 18. Oktober 2010

UMARETE WA MITA KEREDO – Ich wurde geboren, aber… (9,5/10)

Yasujiro Ozu (1903-1963)

Wenn man im Westen von den großen Drei des klassischen japanischen Kinos spricht, wird sich im Allgemeinen auf Kurosawa, Mizoguchi und Ozu bezogen. Akira Kurosawa wurde verkürzt vor allem als der Regisseur dynamischer Samuraiepen wahrgenommen. Kenji Mizoguchi galt als der Meister des Gefühlskinos, des emotionalen Frauendramas. Und im Schatten der Zwei, mit einiger Verspätung, erlangte Yasujiro Ozu mit der strengen Stilistik seiner ruhig erzählten, im Umfeld der japanischen Familie angesiedelten Alltagsgeschichten Bekanntheit. 


Während Kurosawa und Mizoguchi seit den 1950er Jahren, um die Gunst des weltweiten Kinopublikums buhlten und auf den großen europäischen Filmfestivals zahlreiche Preise einsammelten, blieb Ozu eher zurückhaltend im japanischen Markt verhaftet. Er war daher der letzte der Drei, dessen Werk von westlichen Cineasten für sich entdeckt wurde. Heute wird Ozu von Kennern jedoch als der vielleicht größte Stilist, den das japanische Kino je hervorgebracht hat gefeiert. Und dennoch, auch weiterhin gilt, dass für einen heutigen Kinogänger der Zugang zu seinem Werk, unter den 3 genannten Regisseuren, am Schwersten fällt. Dies liegt zum einen natürlich an der Wahl seiner Filmsujets, die sich allesamt eher mit unspektakulären alltäglichen Familiengeschichten befassen. Aber dieser Umstand lässt sich gerade auch mit der hoch gelobten Stilistik Ozus begründen, die die modernen Sehgewohnheiten, etwa hektisches Schnittgewitter und frei im Raum herumwirbelnde Wackelkameras, geradezu konterkariert. Ozus Kamera wirkt statisch, bleibt auf der niedrigen Ebene einer sitzenden Person, so dass der Zuschauer die Perspektive eines stumm im Raum anwesenden Beobachters einnimmt, als sei er ein Ujigami, der die Geschicke der Hausbewohner verfolgt. Näheres zu seiner Stilistik  wurde aber schon anderswo besser und ausführlicher geschrieben.


Bisher kannte ich nur Ozus Nachkriegswerk, in dem sein Personalstil schon einen hohen Grad an Perfektion erreicht hatte. Hier ist besonders BANSHUN (1949) und TOKYO MONOGATARI (1953) hervorzuheben, die mich in ihrer ruhigen Ästhetik und strengen Stilisierung beeindruckten. Deshalb respektierte ich Ozu zwar als einen der großen japanischen Regisseure, ohne ihm aber dieselbe Begeisterung entgegenzubringen, wie ich sie seit meinem aller ersten seiner im TV gesehenen Filme (war es RASHOMON, UZALA oder DIE SIEBEN SAMURAI? Mein kindliches Erinnerungsvermögen trügt da etwas.) Kurosawa gegenüber empfinde. 


Ohne rechten Enthusiasmus, mit der Disziplin eines dem japanischen Kinos verpflichteten Cineasten, schaute ich mir also ICH WURDE GEBOREN, ABER… an, meinen bisher frühesten und einzigen Vorkriegs-Ozu. Und, was soll ich sagen, der Film schaffte es mich vollkommen zu überraschen. Ozu transportierte hier einen Humor und genau getimten Witz, wie ich es ihm, angesichts seines ernsten Alterswerks, nie und nimmer zugetraut hätte. Natürlich finden sich auch schon hier typische Elemente seiner Nachkriegsfilme, die offenen Sichtachsen innerhalb der japanischen Häuser, die personalisierte Kameraposition, doch demonstriert er noch eine spielerische Experimentierfreude, zeigt dynamische Kamerafahrten (z.B. aus der Sicht eines Radfahrers), dass ich mich mit einem Blick auf die DVD-Hülle nochmals versichern musste einen Ozu-Film eingelegt zu haben. Eine weitere Besonderheit ist die Tatsache, dass dieses Werk  aus dem Jahr 1932 noch ohne Ton abgefilmt wurde. Dabei wirkt der Film ansonsten sehr modern, vor allem in seiner lebendigen frischen Figurenzeichnung fühlte ich mich zuweilen an den Neorealismus des italienischen Nachkriegskinos erinnert, weit entfernt von dem Klischee des übertrieben theatralischen Stummfilms. 


Ozu drehte seinen ersten Tonfilm erst 1936, als in Amerika und Europa schon längst die Ära des Stummfilms zu Grabe getragen worden war. Die Gründe für diese Verweigerung der neuen Technik liegen aber nicht (ausschließlich) in einer konservativen künstlerischen Einstellung Ozus oder technischer Rückständigkeit der japanischen Filmindustrie begründet, sondern in der beim Publikum besonders beliebten Tradition des Filmerzählens, die den Rang einer eigenen Kunstform annahm. Neben der Leinwand standen professionelle Benshi, die die Handlung in ausdruckstarker Weise wieder gaben, die Schauspieler Live synchronisierten. Zu Beginn des Tonfilmzeitalters gab es in Japan gemeinsame Proteste von den in eigenen Gewerkschaften organisierten Filmpianisten und Erzählern. Ein hoffnungsloses Unterfangen. In Reaktion auf die Streiks stellten die Kinos ihre Technik einfach schneller auf den Tonfilm um (Akira Kurosawas arbeitslos gewordener älterer Bruder Heigo, ein bekannter Benshi, beging daraufhin 1933 Selbstmord.) 


Der Angestellte Yoshii zieht mit seiner Familie in einen Außenbezirk von Tokyo. Er erhofft sich durch die größere Nähe zu Arbeitsplatz und Direktor berufliche Vorteile. Seine beiden Söhne, Ryoichi und Keiji (ca.10-12 Jahre alt), müssen sich in dem neuen Viertel erst zurechtfinden. Sie geraten rasch in Streit mit einer Bande von Nachbarskindern. Nachdem sie anfänglich vergeblich versuchen dem Problem aus dem Weg zu gehen, sie schwänzen sogar die Schule, gelingt es ihnen den groben Anführer mit Hilfe des jungen Milchmanns zu bezwingen. Von da an sind sie die neuen „Herren“ des Viertels und führen die Schar der Kinder an. Ein Mitglied der Bande ist der Sohn des Direktors der Firma in der ihr Vater arbeitet. So wird auch der neue Freundeskreis der beiden Brüder zur Filmvorstellung eines vom Direktor gedrehten Amateurstreifens eingeladen. Als Ryoichi und Keiji auf der Leinwand  Yoshii entdecken, wie er alberne Grimassen schneidet, um dem Direktor gefällig zu sein, flüchten sie entsetzt nach Hause. Sie schämen sich tief für ihren Vater, der doch zuvor ihr großes Vorbild gewesen war. Wie kann er sich nur vor dem Direktor derart klein machen? Sie treten in einen „Hungerstreik“, da sie nicht von dem schmutzigen Geld ihres Vaters profitieren wollen. Nach einer Nacht wilden Protests gelingt es Yoshii aber das Eis zu brechen. Widerstrebend beginnen die Brüder zu begreifen, dass es im Leben Situationen gibt, in denen man sich Hierarchien unterordnen muss, dass ihr Vater, um seine Familie zu Ernähren, um seinen Söhnen eine bessere Zukunft zu sichern, sogar bereit ist sich offen zu erniedrigen.       


Gerade in der Darstellung des ruppigen Alltages der Kinder, in den vielen humorvollen Details, wie den auf den Köpfen zwischengelagerten "Pausenbroten", dem morbiden "Beerdigungsspiel", der ritualisiert nachträglichen Schließung des "Hosenstalls" und ähnlich liebevollen Einschüben, gewinnt der Film eine mitreißende erzählerische Kraft. Auch die lebendige Figurenzeichnung begeistert mich und beweist Ozus große Menschenkenntnis. Die Charakterisierung der beiden Brüder sticht hier besonders positiv hervor. Ozu verdeutlicht z.B. die klare Rangordnung ihrer Beziehung, indem er den Jüngeren, bis hin zur Parodie, ständig das Verhalten des ein oder zwei Jahre älteren Bruders kopieren lässt.  


Ozu gibt der Handlung, durch die freiwillige Erniedrigung des Vaters, eine deutlich sozialkritische Note, legt die starre Gesellschaftsstruktur offen, die den Einzelnen zwingt sich in einer Hierarchie einzuordnen. Dabei geht seine Kritik aber nicht soweit, dass er etwa radikal revolutionäre Lösungen einfordern würde. Im Gegenteil, die im Streit mit den Nachbarskindern ausgeübte Gewalt, wird in der Welt der Erwachsenen als mögliche Konfliktlösung bewusst verneint. Gewalt ist nach Ozus Auffassung kein Mittel die kleinen und großen Ungerechtigkeiten zu ändern. Er entwirft stattdessen, durch das Propagieren von Bildung als einzige adäquate Lösung, ein auch heute noch geradezu klassisches sozialdemokratisches Modell. Aufstieg durch Bildung, die Überwindung gesellschaftlicher Schranken durch den gemeinsamen Schulbesuch von Kindern aus allen Schichten. In so fern ist ICH WURDE GEBOREN, ABER… in seiner Botschaft geradezu erschreckend modern.


Fazit:
ICH WURDE GEBOREN, ABER... ist mit Abstand mein neuer Lieblings-Ozu. Vor allem die lebendige Charakterzeichnung und der erfrischende Humor des Filmes haben mich begeistert. Von meiner ursprünglichen Skepsis gründlich geheilt, werde ich mich nun auf die Suche nach weiteren Ozu-Werken der Vorkriegszeit begeben. Schade, dass ein Großteil seines Frühwerkes als verschollen gelten muss. 


Titel: Umarete wa mita keredo - Ich wurde geboren, aber...
Regie:Yasujiro Ozu
Studio: Shochiku Films Ltd.
Entstehungsjahr: 1932
Länge: 100 Minuten
DVD: Trigon-Film R2
Untertitel: Deutsch

Neukomponierte Begleitmusik: Christoph Baumann, Isa Wiss, Jacques Siron, Dieter Ulrich 

Sonntag, 17. Oktober 2010

Satokashi no dangan wa uchinukenai - A lollypop or a bullet


Ein Shojo-Manga? Von mir empfohlen? 
Was hat mich da bloß geritten?

Wie ein kitschiger Mädchen-Comic mich eines besseren belehrte…



Die dreizehnjährige Nagisa Yamada hat es nicht leicht in ihrem Leben. Ihre Mutter arbeitet ganztägig in einem Supermarkt und verdient trotzdem nicht genug, um ihre Familie durchzubringen. Zehn Jahre zuvor ertrank ihr Vater, ein Fischer, während eines Sturmes auf hoher See. Der ältere hochbegabte Bruder leidet an einer sozialen Phobie und hat sich als "Hikikomori" vollkommen in sein eigenes Reich zurückgezogen, hängt nur noch seinen Tagträumen nach. Nagisa aber hat sich vorgenommen aus diesem sozialen Käfig zu entkommen, möchte sobald es möglich ist als Berufssoldatin bei den japanischen Selbstverteidigungstreitkräften anwerben, um ihre Familie finanziell unterstützen zu können. Sie liebt "scharfe Munition", das was sie als reale handfeste Währung bezeichnet, Dinge von praktischem Wert. Umso genervter ist Nagisa, als sie eine neue Klassenkameradin bekommt, die ihr ungefragt auf die Pelle rückt. Mokuzu Umino, ein seltsames Mädchen aus Tokyo, dass sich vor der Klasse als Meerjungfrau vorstellt, die nur zu Besuch im Reich der Menschen sei. Mit ihren verträumten Lügengeschichten verkörpert sie das Gegenteil von dem was Nagisa so dringend verlangt, "scharfe Munition". Doch Mokuzu* verfolgt sie hartnäckig mit ihrem Geplapper, denn sie möchte unbedingt ihre beste Freundin werden, bevor sie ins Meer zurückkehren muss, ihrer, wie sie nachdrücklich beteuert, wahren Heimat. So führt sie etwa ihre körperlichen Behinderungen, einen Geh- und Hörfehler, auf ihre unvollständige Verwandlung in einen Menschen zurück. Nagisa sträubt sich anfänglich gegen dieses aufdringliche Mädchen, dem süßen Gift ihrer Fantasie. Mit welchem Recht bedrängt dieses scheinbar verwöhnte, aus reichem Elternhaus stammende Mädchen, dem es in ihrem Leben nie an etwas gemangelt hat, sie mit ihrem überzuckerten Geschwätz? 


Doch nach und nach kommen sich die beiden so unterschiedlichen Mädchen näher und sie werden, wider Erwarten, tatsächlich Freundinnen. Eine erste Begegnung mit dem allein erziehenden Vater, einem bekannten exzentrischem Sänger, und der plötzliche Tod von Mokuzus Hund, lassen in Nagisa düstere Vorahnungen wachsen. Ungewollt blickt sie hinter die süße Fassade von Mokuzus Worten und schaut in abgründige Finsternis. Nagisa muss erkennen, dass es jemanden gibt, dem es trotz materiellem Wohlstand, noch weitaus schlechter geht als ihr selbst. 


Dieser nach einem Roman von Kazuki Sakuraba adaptierte Comic ist ein eher ungewöhnlicher Vertreter eines so genannten Shojo-Manga (Mädchen-Manga), der in keine Kategorie so richtig passen mag. Die Handlung bedient sich einzelner Motive aus Hans Christian Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau und verarbeitet sie zu einem fantasievoll erzählten Drama, die Geschichte einer seltsamen Freundschaft, die Geschichte eines kurzen Sommers, die in grenzenloser Finsternis endet. Mich hat dieses Jugenddrama tief bewegt, eine Tatsache die ich eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Der klassische Shojo-Gothic-Zeichenstil schreckte mich zunächst ab, da er eine dieser typischen süßlichen Teenagerliebestragödien vermuten ließ, doch die dann erzählte Geschichte ist weit entfernt von allem Liebes-Kitsch und entwickelt einen nihilistischen Sog, dem zumindest ich mich nicht entziehen konnte. Iqura Sugimotos detaillierte Zeichnungen tun ein Übriges und lassen aus dem Umfeld des ländlich trägen Japans, eine elegisch morbide Spätsommeratmosphäre erwachsen. Natürlich wirkt die Psychologie etwas bemüht, sind die Charaktere stellenweise arg plakativ mit dem dicken Pinsel gezeichnet, aber was soll’s, die bittersüße Melodramatik umhüllte mich mit ihrem schwarzen Mantel und ich ließ mich in ihrem melancholischen Strom treiben. Ich kann diesen 2-Bändigen Shojo-Manga an alle Freunde des nihilistischen Comics weiterempfehlen, seien sie nun weiblich oder männlich.


* Ins Deutsche übertragen "Seetang" oder "im Meer ertrunken".

Titel: Satokashi no dangan wa uchinukenai
A lollypop or a bullet
Erscheinungsjahr: Japan 2007, Deutschland 2010
Verlag: Kadokawa Shoten
Deutsche Fassung: Ehapa Comic Collection - Egmont Manga 
Romanvorlage: Kazuki Sakuraba
Adaption & Zeichnungen: Iqura Sugimoto 
Länge: 2 Bände (ca. 480 Seiten)

Freitag, 15. Oktober 2010

KÜRZLICH GESEHEN...


NARAYAMA BUSHIKO - Die Ballade von Narayama
Shohei Imamura (1982) 8,5/10

In atemberaubenden Landschaftsbildern eingebettet, liefert Imamura hier ein rundum gelungenes Remake des Klassikers von Keisuke Kinoshita. Da wo das Original vor allem aufgrund seiner tollen Stilisierung besticht, kann Imamuras Version  der literarischen Vorlage durch seinen hohen existenzialistischen Realitätsgrad und durch die beeindruckende Darstellung der Jahreszeiten punkten. Etwas gewöhnungsbedürftig ist vielleicht der spezielle vulgär "dörfliche" Humor des Films.

UMARETE WA MITA KEREDO - Ich wurde geboren, aber...  
Yasujiro Ozu (1932) 9,5/10

Der bisher beste Ozu den ich gesehen habe. Eine tolle Figurenzeichnung, sympathische Charaktere, lebendige realistische Narration. Ozus Stummfilm-Frühwerk ist weitaus frischer und unterhaltsamer, als es sein erhabenes Alterswerk vermuten ließ. Schade, dass der Großteil seiner Werke aus dieser Zeit verloren ging.

PRECIOUS - Das Leben ist kostbar
Lee Daniels (2008) 7/10

Äußerst dick aufgetragenes Tränendrüsen-Drama. Soviel Unglück hält doch kein Mensch aus. Zumindest die Hauptdarstellerin überzeugt.

AGORA - Die Säulen des Himmels
Alejandro Amenabar (2009) 8/10

In beeindruckenden Bildern macht Amenabar das Alexandria der frühen Christenheit lebendig. Eine bedrückende Studie über menschlichen Fanatismus, der die Schönheit des Geistes erstickt. Bei der stumpfsinnigen Zerstörung der Bibliothek musste ich weitaus mehr schlucken als bei Lee Daniels kalkulierter Höllentour.

Akira Kurosawa (1951) 7,5/10

Insgesamt ein zwiespältiger Kurosawa. Einige Szenen sind herausragend, z.B. das nächtliche Eisfest, aber insgesamt will es sich nicht zu einer runden Einheit zusammenfügen. Vor allem die Charakterisierung und die Darstellung des „Idioten“ überzeugen mich nicht. Das könnte aber auch an der zu simplen Psychologie der literarischen Vorlage liegen.

GAKE NO UE NO PONYO – Ponyo - Das große Abenteuer am Meer
Hayao Miyazaki (2008) 8,5/10

Ein frischer künstlerisch beeindruckender Miyazaki. So etwas hätte ich dem Altmeister gar nicht mehr zugetraut! Lediglich das erzählerisch sehr schwache Finale enttäuscht und verhindert so eine noch höhere Wertung.

YATSUHAKA-MURA - Das Dorf der acht Grabsteine
Yoshitaro Nomura (1977) 6/10

Atmosphärisch in den ersten 2/3 eine durchaus stimmige Grusel- und Mysterie-Mär. Das z.T. lächerlich billig inszenierte und mit Logiklöchern durchsetzte letzte Drittel zerstört den guten Anfangseindruck jedoch komplett.

KICK-ASS
Matthew Vaughn (2010) 7/10

Nette Comicverfilmung mit einigen blutigen und recht unterhaltsamen Actionszenen garniert. Die gute Ausgangsidee (Normalo spielt Superheld) hätte aber weitaus mehr Substanz geboten. Hier wurde viel Potential dem billigen Effekt geopfert.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

EUREKA SEVEN – Eine Science-Fiction-Romance-Action-Drama-Serie (9/10)




Die ersten 5 bis 10 Folgen dieser Serie dachte ich noch, es handele sich um einen dieser zahlreichen austauschbaren Evangelion/Gundam Klone, ein typisches Coming-of-Age-Drama, die das Genre des Shōnen-Anime eine Zeit lang überschwemmten. Und dies nicht ohne Grund, denn EUREKA SEVEN besitzt alle typischen Merkmale der genannten Vorbilder. Ein jugendlicher Held, ein unnahbares rätselhaftes Mädchen, große sich transformierende Kampf-Roboter, die sich als lebendig herausstellen, mysteriöse schier unbesiegbare Feinde. Ein müdes Gähnen bemächtigte sich schon meines Gesichts. Die Rahmenhandlung und das Design der Serie des Anime-Studios BONES bedienen sich zwar durchaus geschickt aus dem Fundus früherer Genre-Klasiker und es gelingt EUREKA den altbekannten Mustern ganz neue Akzente abzugewinnen. Etwa in der Etablierung eines lebendigen weltumspannenden Organismus, den korallenartigen Coralians oder den dynamischen, eine interessante Surf-Akrobatik bietenden Luftkämpfen. Und dennoch, dies allein würde EUREKA SEVEN nicht über das Mittelmaß hinaus heben.

Holland und Talho
Ich wollte die Serie also schon innerlich abhaken, 50 Folgen altbekannter Genremuster, bedeuten einfach zuviel verlorene Lebenszeit. Doch dann, ehe ich es ganz begriff, geschah etwas seltsames und ein Funken Interesse loderte auf, wuchs schleichend zu einem Feuer heran und ich begann mich am Schicksal der Charaktere zu berauschen, ihrer Wut, ihrem Stolz, ihrem Mut, ihrer Angst, ihrer inneren Verletzlichkeit und Verzweiflung, ihrem Hunger nach Liebe und ich wollte, nein, musste wissen welchen Weg ihr weiteres Schicksal einschlagen würde.  

Renton beim Luft-Surfen
Es ist also nicht die auf den ersten Blick dem Anime-Klischee entsprechende Grundkonstellation der Serie, die EUREKA SEVEN zu etwas besonderem macht, sondern die Entwicklung der Charaktere, namentlich der beiden Hauptfiguren Eureka und Renton. Sie bilden das Herzstück der ganzen Handlung, um die sich weitere Nebenfiguren, vor allem die bunt zusammen gewürfelte Mannschaft der Gekko unter ihrem Anführer Holland oder die Antagonisten Colonel Dewey Novak und Anemone, versammeln.

Die Mannschaft der Gekkostate

Renton ist ein typischer 14-jähriger Teenager, der sich vor allem ausprobieren, seine Grenzen entdecken, seinen Platz in der Welt der Erwachsenen erkämpfen will und von dem einfältigen Traum erfüllt ist, ein großer weltberühmter Luftsurfer zu werden. Sich zunächst naiv in einer wahr gewordenen Abenteuerfantasie wähnend, stolpert er in einen Konflikt, dessen weltumspannende Bedeutung er nicht begreift. Von hormonellen Stürmen gebeutelt möchte Renton nur das „Mädchen“ beschützen, versucht ihr tölpelhaft zu imponieren und sein Gefühlschaos zu bändigen. Spät, fast zu spät, beginnt Renton zu begreifen, dass die von ihm ausgefochtenen Luftkämpfe blutiger Ernst sind, dass Menschen sterben, dass jede Handlung Konsequenzen hat und an dieser Erkenntnis droht er beinahe zu zerbrechen. 


Eureka hingegen, die körperlich 14-jährige Pilotin der Nirvash (einem lebenden Kampfroboter), wirkt zunächst seltsam emotionslos, eine leer erscheinende Persönlichkeit, die einzig dem Anführer der Gekko Holland vertraut und blind alle seine Befehle befolgt. Erst im Kontakt mit Renton beginnen sich in ihr Emotionen zu entwickeln, die sie im Verlauf der Serie in immer stärkerem Maße zu erschüttern beginnen, hatte sie doch zuvor nie gelernt menschlich zu fühlen, zu lieben, zu hassen, zu verzweifeln, Angst zu haben, sich Mut zu erkämpfen. Die immer unkontrollierbarer wuchernden Emotionen lösen in Eureka Panik aus und sie flüchtet in ihr Innerstes, möchte wieder zu dem werden was sie einst war, ein unbeschriebenes Blatt Papier.      

Die Gekkostate
Im Grunde erzählt EUREKA SEVEN also eine Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Erlernen Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, vom Begreifen was es heißt ein Mensch zu sein. Das Finale der Serie kann vielleicht nicht jeden Zuschauer vollständig überzeugen, allzu viele zuvor aufwendig etablierte Handlungsstränge werden abrupt und kommentarlos abgeschnitten, verlaufen im Nichts, doch zumindest auf emotionaler Ebene funktioniert es so wie es ist, zumindest für mich, sehr gut. Und natürlich badet das Ende geradezu in Kitsch, aber das sollte langjährige Anime-Freunde nicht wirklich überraschen. Besonders erwähnenswert ist noch der interessante Soundtrack der Serie, der sich aus teilweise ziemlich eigenwillig wirkender elektronischer Musik, Techno und Rave* zusammensetzt, aber auch viele orchestral anmutende Stücke effektvoll einzubauen versteht und so perfekt die Atmosphäre der Handlung verstärkt. Die wechselnden Titel- und Abspann-Musikstücke werden dagegen durch (mich meist anödenden) konventionellen J-Pop geprägt, dessen qualitative Beurteilung wie immer Geschmackssache ist.

Eureka im Kriegsgebiet

Gedanken zur deutschen Synchronisation
Viel habe ich gelesen über angeblich schlechte deutsche Synchronisationen und die per Naturgesetzt unangreifbaren japanischen Vertonungen von Anime-Serien. Mit Verlaub, das ist dummes Zeug! Für mich als durch den mitteleuropäisch-deutschen Kulturraum geprägten Zuschauer funktioniert eine professionell gemachte deutsche Synchro häufig weitaus besser, als die japanische Fassung. Was viele fanatische Anime-Liebhaber anscheinend nicht bemerken ist die Tatsache, dass in vielen Animeserien stets dieselben Typen/Stereotypen besetzt werden. Viele Sprecher klingen ihrem Klischee entsprechend, das sie verkörpern, austauschbar. So etwas anzumerken gilt in gewissen Fankreisen aber schon als Ketzerei.

Colonel Dewey Novak
EUREKA SEVEN ist in Beispiel für eine sehr gute, an den mitteleuropäischen Kulturraum angepasste, Synchronisation. Alle Hauptcharaktere sind passend besetzt und können locker mit ihren japanischen Kollegen mithalten. Gerade der so viel gescholtene Sprecher Rentons, Raul Richter, kann mit seiner ganz eigenen Interpretation der Rolle glänzen. Er wirkt zwar weitaus weniger androgyn als in der japanischen (wo eine Frau Renton spricht) Fassung, ist weitaus "männlicher", was aber meiner Ansicht nach viel besser zu der Figur des nervigen pubertierenden Teenagers passt. Desgleichen gilt für Eureka, deren deutscher Stimme es gelingt der Figur weitere Dimensionen hinzuzufügen. Hin und herpendelnd zwischen Unsicherheit, Melancholie und verzweifelter Entschlossenheit, gibt Julia Meynen Eureka auch eine tiefe Wärme, die der zarteren japanischen Kollegin etwas abgeht. Eine wirklich gelungene Neuinterpretation der originalen japanischen Vertonung. 

Eureka und Renton
Zusammenfassung:
EUREKA SEVEN ist eine wirklich herausragende Animeserie, dessen zeichnerisches Design und die erschaffene Welt, dem relativ abgedroschenen Mecha-Universum neue Impulse verleihen können. Das eigentliche Prunkstück der Serie bildet jedoch das äußerst gelungene lebendige Charakterdesign und die Entwicklung der Beziehung der beiden Hauptcharaktere Eureka und Renton. Die Geschichte von den Coralians und ihrer Konfrontation mit den Menschen, wird dabei fast zur unwichtigen Randnotiz. EUREKA SEVEN gehört damit, in meinen Augen, sicherlich zu den besten Anime-Serien der letzten Dekade und jeder Fan japanischer Trickkunst, der einem Science-Fiction-Romance-Action-Drama etwas abgewinnen kann, sollte dieser tollen Serie eine Chance geben. 

Eureka, Renton und die Nirvash

*Einige Begrifflichkeiten  aus EUREKA SEVEN, wie der Second-Summer-of-Love, lassen sich direkt auf die Rave-Szene zurückführen.


Titel: EUREKA SEVEN - Kōkyōshihen Eureka Sebun  
Zeichenstudio: Bones
Entstehungsjahr: 2005
Länge: 51 Folgen / à 25 Minuten
DVD: Beez Entertainment
Ton: Japanisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch