- Widmung der symphonischen Dichtung "Tapiola" -

Da dehnen sich des Westlands Wälder, uralt, geheimnisvoll in wilden Träumen, Waldgeister weben in dem Dunkel.

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Freitag, 5. November 2010

MEIN JAPANISCHES KINO - TEIL 1 - Die 1950er


Auf Grundlage meiner 22 Filme für Einsteiger, starte ich hier den Versuch der Zusammenstellung einer ganz persönlichen Auswahl-Liste meiner Lieblingsfilme aus den letzten 6 Jahrzehnten des japanischen Kinos. Für jede Dekade wähle ich stellvertretend 10 Werke aus und stelle sie kurz vor. Für die 50er und 60er Jahre gelingt dies sicherlich problemlos, aber spätestens ab den 1980er Jahren beginnen die Schwierigkeiten. Mal sehen wie weit ich komme. Um die Dominanz eines einzelnen Filmschaffenden (z.B. Kurosawas) zu verringern, beschränke ich mich auf maximal 2 Werke eines Regisseurs pro Jahrzehnt.

Neben dem Zusammenbruch der Kinokultur in den 1970er Jahren, stellen hierbei meine nach wie vor unzureichenden Kenntnisse über die japanische Kinogeschichte, das größte Problem dar. Ein Beispiel hierfür ist etwa Masaki Kobayashis Trilogie BARFUß DURCH DIE HÖLLE (Ningen no joken), die ich immer noch nicht sehen konnte. Mit dem Erscheinen der deutschsprachigen DVD im Dezember wird sich dies aber bald ändern. Deshalb bleibt diese (ihrer Natur nach höchst subjektive) Liste selbstverständlich für zukünftige Änderungen offen.

-1950er Jahre -

TOKYO MONOGATARI (8,5/10)
Yasujirō Ozu (1953)


Stellvertretend für Ozus Spätwerk wählte ich die Reise nach Tokio, da mit Kirschblüten erst jüngst ein deutsches Quasi-Remake ins Kino kam. Dieser Film ist ein Musterbeispiel für das Alterswerk Ozus und beweist mit seiner ausgereiften Stilistik und Ästhetik einmal mehr, dass er zurecht zu den Großmeistern des japanischen Kinos zählt. Während aber z.B. Kurosawa und Mizoguchi um die Anerkennung eines weltweiten Kinopublikums buhlten, blieb Ozu eher zurückhaltend im japanischen Markt verhaftet. 
Der Zugang zu seinem Werk, fällt mir, im Vergleich zu den beiden anderen genannten Regisseuren, deutlich schwerer, was vor allem an der Wahl seiner unspektakulären Filmsujets liegt, die sich allesamt mit alltäglichen Familiengeschichten befassen. Die für einen modernen Kinogänger ungewohnt bedächtige Narration zwingt den Betrachter das eigene Tempo zu drosseln und in eine geradezu meditative Haltung zu wechseln. Ozus statische Kamera, versetzt mich in die Perspektive einer sitzenden Person, so dass ich den Platz eines stumm im Raum anwesenden Beobachters einnehme, als sei ich ein Ujigami, ein Schutzgeist, der die Geschicke der Hausbewohner verfolgt.

RASHOMON (10/10) 
Akira Kurosawa (1950)


Filmhistorisch der Film, der die Tore für das japanische Kino in den Westen aufstieß. Mit dem Gewinn des Goldenen Löwen 1951 wurden japanische Filme zu einem Dauergast auf den europäischen Filmfestivals und erschlossen sich ein neues weltweites Publikum. Mich persönlich fasziniert neben der aus verschiedenen Perspektiven erzählten Handlung, die dynamische Kamerarbeit Kurosawas, das Flirren der Schatten unter dem Blätterdach des Waldes, der Sturzbach des Regens auf dem in Trümmern liegenden Rashomon-Tor.
Nach Ryūnosuke Akutagawas Kurzgeschichten IM GEBÜSCH und RASHOMON schuf Kurosawa hier einen meiner japanischen Lieblingsfilme.

SHICHININ NO SAMURAI - Die Sieben Samurai (10/10)
Akira Kurosawa (1954) 



Nach einer alten japanischen Legende erschuf Kurosawa eine eindringliche Parabel über die Vergänglichkeit allen Heldentums, das vom ewigen Kreislauf des Lebens hinter sich gelassen wird. Nicht der tapfere Samurai, sondern die einfachen Bauern verstehen es wahrhaftig zu Leben, ordnen sich dem Kreislauf der Natur unter, lassen Dinge wachsen, während der Krieger letztendlich nur die Zerstörung kennt, ein sich von der Lebensenergie anderer nährender Parasit, ein Hund des Krieges.
Indem sich der Samurai gegen sein eigenes Wesen stemmt und den Bauern in ihrem Überlebenskampf beisteht, verurteilt er sich selbst zum Tode. Die sterbenden Krieger fallen in den Schlamm, versinken in ihm, werden wieder zu Erde. Seit dem ich diesen großartigen Abenteuerfilm als Kind gesehen habe, gehört er für mich zu meinen ewigen Top5-Kurosawas, einer der Filme die meine Leidenschaft für das japanische Kino erst entflammten.

SAIKAKU ICHIDAI ONNA - The Life of O-Haru (10/10)
Kenji Mizoguchi (1952)



Dieses emotionale Frauendrama ist einfach mein Lieblings-Film von Mizoguchi. Schon nach wenigen Minuten packte mich die tragische Lebensgeschichte O-Harus und hielt mich den ganzen melodramatischen Filmverlauf über fest im Griff.
Nicht so überfrachtet wie z.B. UGETSU MONOGATARI überzeugt der Film durch sein großes Einfühlungsvermögen, seine große Sensibilität. Das Schicksal der eigenen älteren Schwester Suzu, die seit ihrem 14. Lebensjahr als Geisha arbeiten musste, und ihm dadurch die Ausbildung finanzierte, bewegte Mizoguchi dazu das Leiden der Frauen in den Mittelpunkt seines Schaffens zu stellen. Mit Filmen wie GION NO SHIMAI und SAIKAKU ICHIDAI ONNA ging Mizoguchi damit als großer "Frauenversteher" in die Geschichte des japanischen Films ein.

UGETSU MONOGATARI 
Erzählungen unter dem Regenmond (9/10)
Kenji Mizoguchi (1953)



Auf den europäischen Filmfestivals war Mizoguchi in den 1950er Jahren ein häufiger und gern gesehener Gast. Es schien nach dem internationalen Erfolg von Kurosawas RASHOMON, als ob der eine halbe Generation ältere Mizoguchi noch einmal mit aller Kraft beweisen wollte wer der Chef im Ring ist, wer der bedeutendste lebende japanische Regisseur sei. Nach seinem Achtungserfolg auf dem Filmfestival von Venedig 1952 mit SAIKAKU ICHIDAI ONNA folgte 1953 UGETSU MONOGATARI, der den silbernen Löwen gewinnen konnte. Mizoguchi verwob in seinem Film verschiedene Elemente, eine klassische Geisterstory, die Unmenschlichkeit des Krieges und verband das Ganze mit seinem Lieblingsthema, der erniedrigten Frau. Ästhetisch ist UGETSU wohl der stärkste von Mizoguchis Filmen, die Kamera schwelgt in großartig durchkomponierten Tableaus, die Kostüme und Bauten wirken beinahe schmerzhaft schön, die erzählerische Überfrachtung macht mir aber dennoch andere seiner (weniger ambitionierten) Werke sympathischer. 

NIJUSHI NO HITOMI - 24 Augen (9/10)
Keisuke Kinoshita (1954)


Mit NIJUSHI NO HITOMI schuf Keisuke Kinoshita einen der Klassiker des sentimentalen fernöstlichen „Heimatfilms“. Das japanische Publikum mag scheinbar diese beinahe kitschigen Rührstücke. Die junge Lehrerin Hisaki erhält in einer kleinen ländlichen Schule eine neue Stelle und muss sich gegen das anfängliche Misstrauen der Dorfbewohner und die Streiche ihrer Schüler durchsetzten. Nach anfänglichen Widerständen raufen sich die Kinder und ihre junge Lehrerin aber zusammen und bilden eine verschworene Gemeinschaft. Trotz allerlei persönlicher Schicksalsschläge, z.B. dem kriegsbedingten Tod einzelner Klassenkameraden, bleibt das Band zwischen ihnen über mehrere Jahrzehnte unverbrüchlich. 
Der Film konzentriert sich, auch wenn die zeitgeschichtlichen Hintergründe zuweilen wie ein Schatten über ihrer Gemeinschaft liegen, auf das ländliche Alltagsleben, mit all seinen kleinen und großen Freuden und Ungerechtigkeiten. Der große Erfolg von NIJUSHI NO HITOMI in Japan, könnte in der großen Sehnsucht des Publikums begründet liegen, knapp 9 Jahre nach dem großen Krieg, in Nostalgie und verklärten Erinnerungen zu schwelgen. Ein Phänomen das dem geschichtsblinden Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre und seiner Flucht in die heile Welt des Heimatfilmes gleicht. Doch nur wenige Filme dieses Genre erreichen die herausragenden kinematographischen Qualitäten von Keisuke Kinoshitas sentimentalem Meisterwerk.

BIRUMA NO TATEGOTO - The Harp of Burma (9/10)
Kon Ichikawa (1957)


Am Ende des 2. Weltkrieges, über die erkaltenden Schlachtfelder Burmas stolpernd, das verwesende Fleisch der Kameraden vor Augen, sucht der Soldat Mizushima Erlösung und bemüht sich verzweifelt den Toten ihre Würde zurückzugeben.
Das japanische Kino versuchte zwar nach Leibes Kräften die Erinnerung an den zweiten Weltkrieg zu verdrängen und den Eskapismus des Publikums zu bedienen, doch es gab auch vereinzelt ernsthafte Bemühungen die Schrecken der Vergangenheit greifbar zu machen, den Versuch den Opfern, vor allem in den eigenen Reihen, eine Stimme zu geben. Die eigene Kriegsschuld blieb dabei aber, bis auf weiteres, weitgehend ausgeblendet. So auch in diesem Meisterwerk Kon Ichikawas, dass sich intensiv mit der Traumatisierung der Soldaten durch die Gräuel des Krieges befasst, ohne aber den das große Morden auslösenden Militarismus anzusprechen. Der Krieg erscheint hier eher wie eine unausweichliche Naturkatastrophe, dem die japanischen Truppen, einem Erdbeben gleich, machtlos ausgeliefert sind. Was BIRUMA NO TATEGOTO dennoch zu einem herausragenden Antikriegsfilm macht, ist zum einen die lyrische Narration, die (schrecklich) großartigen Bilder die Ichikawa findet um den Bußgang des Soldaten Mizushima zu visualisieren. Zum anderen das Verneinen des Todeskultes der japanisch kaiserlichen Armee, die das Überleben, die Kapitulation vor dem Feind, als ehrlose Tat verunglimpft und von jedem Soldaten den (sinnfreien) Heldentod verlangt. Allein dies war für das immer noch in alten Denkmustern verhaftete japanische Publikum eine Zumutung.

NARAYAMA BUSHIKO – Die Ballade von Narayama (8,5/10)
Keisuke Kinoshita (1958)


Ein abgelegenes japanisches Gebirgsdorf. Vom ewigen Überlebenskampf in der rauen Bergwelt geprägt, lebt die Gemeinschaft nach strengen Regeln. Diebstahl von Nahrungsvorräten gilt als ein todeswürdiges Verbrechen und wird entsprechend blutig geahndet. Mit erreichen des 70. Lebensjahr verlassen die Alten traditionell das Dorf und suchen den Tod an den Hängen des Nara, um so ihren Familien nicht länger zur Last zu fallen. Die ungewöhnlich rüstige Orin fühlt sich unerschütterlich an diese Tradition gebunden und zwingt ihren ältesten Sohn, nachdem sie glaubt alles in geordneten Bahnen zu hinterlassen, dazu sie der Wildnis auszusetzen.
Das japanische Kino brachte gleich zwei Fassungen dieser Novelle Shichiro Fukazawas hervor. Neben Shohei Imamuras großartiger Version aus dem Jahre 1983, steuerte Kinoshita eine weitaus ältere, schon 1958 in Farbe produzierte, ganz anders geartete Verfilmung bei. Stilistisch bedient sich NARAYAMA BUSHIKO beim traditionellen Kabuki-Theater und entwickelt in seiner streng ausbalancierten Kinematographie eine ganz eigene Sogwirkung, eine beeindruckende Stilübung, die in ihrer kunstvollen Studio-Ästhetik begeistert.

HAKUJADEN - Erzählungen einer weißen Schlange (9/10)
Taiji Yabushita (1958)


Eine weiße Schlange verwandelt sich in eine junge Frau und erringt die Liebe Xu Xians. Der in magischen Künsten bewanderte Mönch Fahai verkennt die Situation und glaubt irrtümlicher Weise, das Leben Xus sei in Gefahr. Mit aller Macht versucht er das junge Paar zu trennen, doch letztlich muss er scheitern, denn die Liebe findet immer einen Weg.
Das japanische Produktionsstudio Toei-Animation erreichte 1958 mit diesem ersten abendfüllenden farbigen Anime der japanischen Kinogeschichte seinen Durchbruch. Nach der Vorlage alter chinesischer Legenden schuf Yabushita mit HAKUJADEN einen zeitlosen Klassiker, der mich in seiner Farben-Ästhetik, seiner märchenhaften Handlung, seinen detailverliebten Animationen, auch heute noch begeistern kann.

Sonntag, 31. Oktober 2010

KÜRZLICH GESEHEN...

Yasuzo Masumura (1957) 7,5/10

Zur damaligen Zeit galt dieser zahme und heute fast naiv unschuldig wirkende Film als Provokation, ein Ausbruch aus gesellschaftlichen und filmhandwerklichen Zwängen. Die Zeit ging nicht spurlos an diesem Werk vorbei, aber dennoch bleiben einige schöne Kameraeinstellungen und die Zärtlichkeit, die zaghafte Anziehung, der beiden jungen Liebenden im Herzen des heutigen Zuschauers haften.  Ein schöner Film.

NANJING! NANJING!
Lu Chuan (2009) 8,5/10

In schrecklich schönen Schwarz-Weiß-Bildern lässt Lu Chuan das größte Verbrechen der japanisch kaiserlichen Armee nachstellen, das Massaker des Jahreswechsels 1937/1938 in Nanjing. Ein Film der ihm weder in China, noch in Japan viele Freunde gemacht hat.  
Siehe hier meine ausführliche Rezension.

LOVE LETTER
Shunji Iwai (1995) 9/10

Manche Tipps, besonders die von schneesüchtigen Bloggern, erweisen sich als goldrichtig. So beschaffte ich mir die englisch untertitelte koreanische DVD dieses Films von Shunji Iwai. LOVE LETTER ist einer der Filme für die das Wort "Kitsch" erst erfunden worden scheint, ist also genau das, wovor es mir bis vor etwa 10 Jahren gegraust hätte. Doch nachdem ich meine Aversion gegenüber dem Gefühlskino Stück für Stück demontiert habe, hat sich das zum Glück geändert. Iwais Film ist ein in Schnee getauchter sentimentaler Traum, der trotz wunderschön gefilmter, in winterlicher Kälte erstarrter Landschaften und Straßen, eine wohlige menschliche Wärme ausstrahlt. Der Unfalltod eines jungen Mannes stürzt eine ganze Reihe von Menschen, seine Freunde und die Familie, in tiefe Trauer. Auch zwei Jahre danach kann die Verlobte den Verlust nicht verwinden. Nach einer an den Toten erinnernden Zeremonie besucht die junge Frau seine Mutter und findet in einem alten Jahrbuch die postalische Anschrift seiner Heimatstadt. Sie schreibt einen Brief an die Adresse, ohne dabei auf eine Reaktion zu hoffen. Doch vollkommen überraschend erhält sie Antwort von einer jungen Frau, die zufälliger Weise den selben Vor- und Nachnamen hat wie ihr Verlobter. Es stellt sich heraus, dass sie mit ihm sogar gemeinsam die Schule besucht hat. Ein reger Briefwechsel folgt, der allen Beteiligten hilft ihr erschüttertes Seelenleben neu zu ordnen. LOVE LETTERS ist ganz großes Gefühlskino, eine melancholische Winterreise ins Herz menschlicher Trauer. Zwar bleibt YENTOWN mein Lieblings-Iwai, ein im Vergleich zur glatt polierten Oberfläche dieses Filmes eher ungeschliffener Diamant, aber LOVE LETTERS folgt schon dicht dahinter.     

BELLADONNA
Eiichi Yamamoto (1973) 8/10

Jeanne, ein junges Bauernmädchen, wird in ihrer Hochzeitsnacht von ihrem Lehnsherren vergewaltigt. Körperlich und seelisch zerstört, entschlüpft ihr der Wunsch nach Vergeltung, ein kleiner Teufel der in gleicher Weise wächst, wie ihr Hass zu wuchern beginnt. Das Teufelchen lässt ihre Wünsche in Erfüllung gehen, doch am Ende kehren sich alle Wünsche gegen sie.
Nach einem Konzept von Osamu Tezuka schuf Yamamoto einen Klassiker des 1970er Animes, der auch heute noch wirkungsvoll bleibt. Die Animationen sind auf das notwendigste reduziert und der Film wird durch seine kunstvoll gemahlten Tableaus bestimmt, über die die Kamera wandert. Das Werk ist offensichtlich ein Kind seiner Zeit, was sich in der psychedelischen Bilderflut und der Musik manifestiert. Auch die feministisch politische Schlussbotschaft des Films wirkt aufgesetzt und aus heutiger Sicht geradezu an den Haaren herbeigezogen. Dennoch beeindruckt der Film durch seine kühne visuelle Kraft, seine hemmungslose Sexualität, die in ihrer grellen Ornamentik bei den Machern LSD Konsum vermuten lässt.

THE COVE – Die Bucht
Ric O’Berry/Louie Psihoyos (2008) 7/10

THE COVE gewann 2009 den Oscar als Bester Dokumentarfilm. Ganz in der Tradition amerikanischer „Doku-Propaganda“ wie BOWLING FOR COLUMBINE oder FAHRENHEIT 9/11 pfeift THE COVE auf einen objektiven Standpunkt und ergreift ganz offen Partei für das von ihm verfolgte Ziel. Mag der ehemalige Flippertrainers O’Berry auch noch so ehrenwerte Absichten verfolgen  und der Schutz der Delfine ist dies ganz sicherlich, verspüre ich bei derart hemmungslos vorgetragener Polemik ein gewisses Unwohlsein in der Magengegend. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich das dargestellte Delfinabschlachten in einer japanischen Meeresbucht, nicht als unsinnige Tierquälerei verurteilen würde. Genauso wie ich Massentierhaltung und Legebatterien ablehne. Aber die emotionale Manipulation dieser Doku beleidigt einfach meinen aufgeklärten Verstand, denn ich lasse mich nicht gerne derart plump manipulieren. Rein formal ist THE COVE aber natürlich eine wirklich gekonnt auf der Klaviatur menschlichen Mitleids spielende Polemik, allein dafür hat die Dokumentation eine hohe Wertung verdient.    

KINDER, MÜTTER UND EIN GENERAL
Laslo Benedek (1955) 8/10

Eine Gruppe von Müttern folgt ihren indoktrinierten minderjährigen Söhnen 1945 an die rasch näher rückende Ostfront, um sie vor dem Heldentod zu bewahren. Die Söhne denken jedoch gar nicht daran freiwillig ihre Uniformen abzulegen, sie wollen Kämpfen, bis zum Endsieg. Dieser Klassiker des deutschen Antikriegsfilmes entstand gut 4 Jahre vor dem berühmteren DIE BRÜCKE und wurde mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Zahlreiche bekannte deutsche Darsteller wirkten mit, unter anderem Bernhard Wicki, Maximilian Schell und Klaus Kinski. Besonders die wenigen gemeinsamen Szenen Maximilian Schells und von Kinski sind ein Höhepunkt des Films. Ein desillusionierter Soldat (Schell) hat keine Lust mehr zu kämpfen und streift seine Uniform ab. Der fanatische junge Offizier (Kinski) lässt den Deserteur per Standgericht erschießen. Werner Herzog nannte in seiner Doku MEIN GELIEBTER FEIND Kinskis beeindruckenden Auftritt, den er durch zwei Ausschnitte belegt, eine wichtige Inspirationsquelle für seinen künstlerischen Lebensweg.

PROFOUND DESIRES OF THE GODS
Shohei Imamura (1968) 8/10

Ein bei Imamura immer wieder kehrendes Thema sind abgeschlossene Gemeinschaften von Menschen, z.B. das kleine Dorf in NARAYAMA oder die abgeschiedene Insel Kurage in PROFOUND DESIRES OF THE GODS.  Die weit im Süden Japans gelegene Insel wird von einer kleinen Dorfgemeinschaft bewohnt, die durch die über Generationen andauernde Isolation unter den Folgen der Inzucht zu leiden hat. Ihr Leben wird durch den Glauben an ihre Götter und archaische Traditionen geprägt. Als die Moderne, verkörpert durch einen Ingenieur, in ihre abgeschlossene Welt hereinbricht, beginnt  ihre Gemeinschaft rasch zu zerfallen. Die zahlreichen Großaufnahmen wilder Inseltiere, von Fischen, Eulen und Schlangen, verweisen stilistisch schon auf Imamuras zukünftiges Meisterwerk NARAYAMA, nur das dort die Handlung durch die alte Legende einen stringenteren Verlauf nimmt.  Man könnte PROFOUND DESIRES also durchaus als eine Fingerübung für NARAYAMA bezeichnen. Dennoch hat der Film in seiner tropischen Opulenz, seiner sexuell verrotteten Hitze, eine ganz eigenständige Qualität. Mein persönlicher Höhepunkt des Films sind aber die Auftritte des Inselbarden, der mit angeklebter Hakennase seine uralten Weisen zum Besten gibt.

CITY OF LIFE AND DEATH – NANJING! NANJING! (8,5/10)

Lu Chuan 



Mit KEKEXILI: Mountain Patrol konnte Lun Chuan vor einigen Jahren schon einmal einen überzeugenden Film abliefern. Ein von atemberaubenden Landschaftsaufnahmen des tibetanischen Hochlandes geprägtes existenzialistisches Drama. Doch es dauerte ein halbes Jahrzehnt, bis er mit einem weiteren groß angelegten Spielfilm seine Regiearbeit fortsetzte. 
 Wer Florian Gallenbergers mittelprächtigen JOHN RABE kennt, wird sich vielleicht denken: Schon wieder ein Nanjing-Film? War dieser deutsche TV-Spiel-Ästhetik und Hollywoodschwulst verzwirbelnde Tränendrüsendrücker nicht schon genug? Meine Antwort dazu - ein klares NEIN(!), denn Lu Chuans Film spielt in jeder Beziehung in einer ganz anderen Liga als die deutsche Koproduktion.
 
Einzug japanischer Truppen in Nanjing

Im Jahr 1937 gelangte der schon lange schwelende japanisch-chinesische Konflikt in eine neue Phase und die japanisch kaiserliche Armee überfiel von der schon 1931 besetzten Mandschurei aus das vom Bürgerkrieg zerrissene China. Japans aggressiver Imperialismus, den europäischen Allmachtsphantasien nacheifernd, hatte es sich zum Ziel gesetzt ganz Asien vom Kolonialismus zu befreien und ihn durch eine japanisch beherrschte Wohlstandssphäre zu ersetzen. Innerhalb weniger Wochen besetzte die japanische Armee weite Teile der küstennahen Gebiete Chinas und drang bis zur Hauptstadt der Kuomintang Regierung in Nanjing vor. Als die Japaner vor den Toren der Stadt auftauchten, war Chiang Kai-shek längst mit seiner Regierung geflohen und überließ die Stadt mit einer minimalen Verteidigung dem Feind. Fast kampflos konnten die japanischen Truppen zunächst Nanjing besetzen, um aber dann in erbitterte und verlustreiche Häuserkämpfe mit den in der Stadt verbliebenen Resten der chinesischen Armee verwickelt zu werden. Innerhalb weniger Tage war aber auch dieser verzweifelte Widerstand gebrochen. Durch die eigenen hohen Verluste geschockt, nahm die japanische Armee blutige Rache an den Kriegsgefangenen und der in der Stadt verbliebenen Zivilbevölkerung. Innerhalb kürzester Zeit starben ca. 100.000 bis 300.000 Menschen und Zehntausende Frauen wurden vergewaltigt. Ein auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatz einmaliges Kriegsverbrechen. Die europäisch amerikanische Kolonie der Stadt organisierte, unter Leitung des deutschen Geschäftsmannes John Rabe, eine Schutzzone, in der ca. 300.000 Menschen zuflucht suchten, bis schließlich der Blutrausch der japanischen Armee abebbte.
 

In großer Schonungslosigkeit berichtet der Film, fast dokumentarisch, von den Gräueln der japanisch kaiserlichen Armee in den Straßen Nanjings. Chuan verzichtet dabei aber zum Glück auf unnötig explizite Detail- und Großaufnahmen der blutigen Gewaltakte, sondern bewahrt einen gewissen Abstand, was den Film erst für ein größeres Publikum erträglich macht. Die distanziert dargestellte Gewalt, die Entmenschlichung der Opfer, die Abstumpfung der Täter, das ganz beiläufige Töten, verdeutlicht auch so schon das Grauen dieser Wochen des Jahreswechsels 1937/1938. (Dennoch haben sich Überlebende der Massaker über die verharmlosende Darstellung der Gewalt in dem Film beschwert.)


NANJING! NANJING! ist in ineinander übergehende Episoden unterteilt. Gleich der erste Abschnitt ist aber auch zugleich der schwächste Teil des Films. Die konventionell abgefilmten Kampfhandlungen, der unübersichtliche Häuserkampf, erinnert an vergleichbare Inszenierungen der letzten Jahre, braucht sich aber technisch auch nicht hinter amerikanischen Produktionen zu verstecken. Mit der Kapitulation der letzten chinesischen Verteidiger und der anschließenden Massenerschießung der Kriegsgefangenen, nimmt der Film in seiner Intensität noch einmal zu, was auch daran liegt, dass der Zuschauer erst nach und nach die wichtigsten Charaktere kennen lernt und damit beginnt sich in den verschiedenen Erzählsträngen zurecht zu finden. Sind die Protagonisten jedoch erstmal etabliert, gerät man in den Sog der Bilder. Die großartige Schwarz-Weiß Kinematographie entwickelt eine unglaubliche Wucht, und glänzt mit erschreckend schön komponierten Stadtansichten der Trümmerwüste Nanjings und den darin um ihr Überleben kämpfenden Menschen.
 

Auffällig ist der gedämpfte Tonfall der Inszenierung, der auf den in ähnlichen chinesischen Produktionen sonst üblichen vor Pathos triefenden Patriotismus, mit Ausnahme von ein oder zwei Szenen, weitgehend verzichtet. Aber selbst in diesen besagten Szenen, z.B. der Massenerschießung von Kriegsgefangenen, ist es gerade die verhältnismäßig große Nüchternheit mit der diese Kriegsverbrechen nachgestellt werden, die mich als Zuschauer beeindruckt. Eine insgesamt wirklich wohltuend zurückgenommene Narration, die die Bilder für sich sprechen lässt. Auffällig in diesem Zusammenhang ist auch die äußerst reduziert eingesetzte Filmmusik, die in einer vergleichbaren Hollywoodproduktion die Bilder vermutlich mit emotionalem Kitsch ertränken würde (z.B. SCHINDLERS LISTE oder JAMES RYAN).


Besonders bewegt haben mich die Szenen mit den zur Prostitution gezwungenen Trostfrauen, die den japanischen Besatzern zu Willen sein mussten, eine fast industriell wirkende Massenvergewaltigung. Aber der heimliche Star dieses Ensemble-Film ist die Figur des Offiziers Kadokawa (Hideo Nakaizumi) die den Japanern ein menschliches Gesicht gibt, das verdeutlicht, dass selbstverständlich nicht alle an den Kriegsverbrechen beteiligten Soldaten gefühlskalte Bestien gewesen sind, sondern viele unter ihnen von Zweifeln und eigenen Ängsten gequälte Individuen waren, die sich dem von der Heeresleitung befohlenen Morden und dem im Gruppenzwang sich verselbständigenden Blutrausch, nicht zu entziehen vermochten. 
Eine der für mich visuell stärksten Szene ist die Siegesparade der japanischen Soldaten, an der sich Kadokawa unter den Augen chinesischer Kriegsgefangener beteiligt. Im Rhythmus der Taiko tanzen sich die Soldaten in eine seltsam ritualisierte Trance. Einfach großartig! 
Mit dem folgenden Tod Kadokawas übertreibt es Luan vielleicht mit dem Symbolgehalt der Figur, der quasi stellvertretend für seine Kameraden Buße tut, aber egal, insgesamt überwiegt der positive Gesamteindruck, zumal alle Hauptpersonen, auch Kadokawa, auf historisch verbürgte Persönlichkeiten beruhen. 
Die Tatsache an sich, dass Chuan versucht den japanischen Soldaten ein menschliches Gesicht zu geben, hat in China hohe Wellen geschlagen, da im chinesischen Kino japanische Soldaten stets als Karikatur, als grausame Bestien, dargestellt wurden. Hier kann man einen interessanten Artikel zu den Dreharbeiten und der Vermarktung des Films nachlesen. 


Bis heute verweigern sich weite Teile der japanischen Öffentlichkeit den historischen Tatsachen und versuchen die Ereignisse des Dezembers 1937 entweder komplett totzuschweigen oder als gewöhnliche kriegsbedingte Kollateralschäden zu verharmlosen. Lu Chuan fiel es deshalb schwer namhafte japanische Schauspieler zu verpflichten, da sie um ihr Renommee in der heimischen Filmindustrie bangen mussten. Ein in Deutschland bei vergleichbaren Filmprojekten über deutsche Kriegsverbrechen undenkbarer Vorgang.
Insgesamt ist Lu Chuan mit NANJING! NANJING! ein beeindruckender Antikriegsfilm gelungen, der trotz kleinerer Mängel gerade durch seine Nüchternheit überzeugt. Qualitativ gleichwertiges habe ich bei thematisch ähnlich gelagerten chinesischen Filmen (z.B. dem fragwürdigen Exploitationreißer BLACK SUN: The Nanking Massacre) noch nicht gesehen.

Titel: CITY OF LIFE AND DEATH – NANJING! NANJING!
Regie: Lu Chuan
Entstehungsjahr: 2009
Länge: 135 Minuten
Blu-Ray: NEW KSM
Ton: Mandarin/Japanisch, Deutsch/Japanisch 

Untertitel: Deutsch

Sonntag, 24. Oktober 2010

KÜRZLICH GESEHEN...

MANJI
Yasuzo Masumura (1964) 6/10

Nach einem Drehbuch von Kaneto Shindo schuf Masumura hier einen aufgrund seiner Thematisierung lesbischer Liebe und sexueller Hörigkeit zur damaligen Zeit sicherlich kontroversen Film, der in seiner bemühten Theatralik heute eher unfreiwillig komisch wirkt. Besonders nervtötend empfand ich das überzogene hysterische Spiel der Hauptdarstellerin Kyoko Kishida, die ich aus DIE FRAU IN DEN DÜNEN eigentlich in guter Erinnerung hatte. MANJI ist gerade im Vergleich zu Masumuras späteren Meisterwerken wie RED ANGEL oder BLIND BEAST eine große Enttäuschung.   

KUROI AME  - Schwarzer Regen
Shohei Imamura (1989) 9/10

Die Verfilmung des Romans von Masuji Ibuse, dem wohl bekanntesten Vertreter der „Bomben-Literatur“, ist Imamuras letzter wirklich groß angelegter Spielfilm. In Schwarz-Weiß gedreht, erzählt er in zwei Zeitebenen von den tragischen Folgen des amerikanischen Atombombenabwurfes auf Hiroshima. Auf anrührende Weise verdeutlicht Imamura am Beispiel einer japanischen Familie, wie nachhaltig Krieg das Leben der Menschen zerstören kann. Nach KUROI AME folgten kleinere weniger aufwendige Produktionen wie DER AAL oder WARM WATER… In meinen Augen ist Imamura mit dieser Literaturverfilmung  sein letztes (mir bekanntes) uneingeschränktes Meisterwerk gelungen.

WARM WATER UNDER A RED BRIDGE
Shohei Imamura (2001) 7,5/10

Ein humorvoller besonderer kleiner Film, der mit seinen schrägen Einfällen und Figuren das Interesse des Zuschauers durchgängig aufrechterhalten kann, aber insgesamt nicht an die großen Klassiker Imamuras heranreicht. Nie wurde weibliche Lustbefriedigung anschaulicher und eruptiver in einem Film visualisiert. Angesichts dieser besitzergreifenden Sirene muss jeder männlicher Egozentrismus in sich zusammenfallen.
 
THE PORNOGRAPHERS
Shohei Imamura (1966) 8/10

Ein früher, stilistisch der japanischen Nouvelle Vague zuzuzählender, vor schrägen Ideen überquellender Schwarz-Weiß-Film Imamuras, der schon die kommenden Exzesse des japanischen Extremkinos der 70er Jahre andeutet.  Ein Produzent billiger Pornofilme heiratet die verwitwete Inhaberin eines Frisörsalons und bemüht sich vergebens dem Einfluss der Yakuza zu entziehen. Heimlich, unter den Augen ihres als Karpfen reinkarnierten Vaters, bedrängt er die Tochter seiner Frau und missbraucht sie schließlich. Nachdem die Ehefrau geistig verwirrt in einer Nervenklinik stirbt, verliert der Ehemann jedes Lustempfinden und verbringt die nächsten Jahre auf einem Boot damit die perfekte Frau als Sexpuppe zu erschaffen. So seltsam sich die Handlung anhört, so bizarr ist der Film auch. Ein visuell experimentierfreudiges zuweilen aufregendes Werk, das sich aber in der eigenen verschlungenen Handlung zu verlieren droht.        

THE STRANGE SAGA OF HIROSHI THE FREELOADING SEX MACHINE
Yuji Tajiri  (2005) 7/10

Ein humorvoller Vertreter des japanischen Pink-Films, der mit seinen verrückten Einfällen, seiner äußerst vitalen Visualisierung des Geschlechtsaktes, mir ein Grinsen aufs Gesicht zaubert. Eine schräge Sex-Klamotte, wie sie nur aus Japan kommen kann. Grillen-Sumo muss ein aufregender Sport sein!

TATTOOED FLOWER VASE
Masaru Konuma (1976) 6/10

Ein weiterer Pink-Film (Pinku eiga) der visuell sehr hochklassig daherkommt, seine schwache Handlung, die nicht von ungefähr an IREZUMI erinnert, damit aber kaum kaschieren kann.

TOKYO FIST
Shinya Tsukamoto (1995) 3/10

Ein ziemlich billiges Machwerk von Tsukamoto, der durch seinen Film TETSUO – THE IRON MAN in Fankreisen des japanischen Extremkinos eine gewisse Berühmtheit erlangte. Die drastische blutspritzende Inszenierung der Boxkämpfe, versucht wohl die dünne Handlung, in ihrer einfältigen Verschränkung von Sex, Eifersucht und Gewalt, mit Eimern roter Farbe zuzukleistern. Einzig die ein oder andere visuelle Spielerei weiß zu gefallen. Insgesamt entbehrlich.

HAZE
Shinya Tsukamoto (2005) 6/10

Hier gelingt Tsukamoto eine durchaus bedrückende atmosphärische Darstellung klaustrophobischer Enge. Man fühlt als Zuschauer beinahe körperlich die Finsternis und Angst, der wie Labormäuse in einem Beton-Labyrinth eingeschlossenen Protagonisten. Die Verwandtschaft zum bekannteren CUBE ist offensichtlich. Der surreal inszenierte Schluss des Films lässt vermuten, dass Tsukamoto ein großer Fan von Kubriks 2001 ist. Am Ende bleiben alle Frage über Sinn und Unsinn des Betonsarges offen und der Zuschauer kann sich in wildeste Interpretationen versteigen. Er kann es aber auch, so wie ich, lassen.     

JITSUROKU ABE SADA – A Woman called Abe Sada
Noburo Tanaka (1975) 7,5/10

Im Schatten des auf dem gleichen historisch belegten Kriminalfall fußenden IM REICH DER SINNE (AI NO KORIDA) muss dieses Werk um seine Anerkennung kämpfen. Und tatsächlich, insgesamt gefällt mir der aufwendiger produzierte Film von Nagisa Oshima mehr. Dennoch schafft es Tanakas Version eine ganz eigene Sicht auf den Fall zu entwickeln. Die zerstörerische, alle Rationalität verleugnende Leidenschaft gegenseitiger sexueller Abhängigkeit, wurde nur selten ähnlich eindringlich und radikal inszeniert.

VENGEANCE
Johnnie To (2009) 7,5/10

Der für seine im Triaden-Milieu angesiedelten Action-Reißer bekannte Hongkong-Regisseur Johnnie To, versuchte hier mit der Schaffung eines klassischen Revenge-Movies auf den Erfolg auf dem internationalen Kinomarkt zu schielen. Dies gelingt durch seine düster polierte Oberfläche und den überzogen stilisierten Schießereien auch sehr gut. Der Film kann somit vor allem atmosphärisch und in den Actionszenen punkten. Die Handlung selbst bietet leider nur die genreüblichen Stereotype, stört aber damit auch nicht weiter den visuellen Genuss.

ALL ABOUT LILY CHOU-CHOU
Shunji Iwai (2001) 8,5/10

Eine wirklich großartige Studie der japanischen Jugend, in all ihrer bittersüßen Sehnsucht, ihrer orientierungslosen Verzweiflung, in ihrer enthemmten Grausamkeit. Das Grün der Felder erstrahlt in beinahe irrealer Intensität und kontrastiert mit dem melancholischen Lebensgefühl der Protagonisten. Zwar begeistert mich Iwais YENTOWN noch ein Stückweit mehr, aber mit ALL  ABOUT… hat er einen weiteren  beeindruckenden Film geschaffen, wie es viel zu wenige, ob in Japan oder dem Rest der Welt, in unsere Kinos schaffen.

Dienstag, 19. Oktober 2010

BATTLE ROYALE – oder - Ein Kultstreifen aus der Staubhölle (3/10)


So ein Umzug ist schon eine scheußliche Sache, 
alles kommt durcheinander und nichts findet man wieder.


Neulich versuchte ich Ordnung in mein umzugsbedingt durcheinander geratenes DVD-Regal zu bringen. Mich durch dicke Staubschichten kämpfend, drang ich dabei in lange vergessene Regionen meiner Sammlung vor. Neben verschollen geglaubten Schätzen, tritt dabei aber auch die eine oder andere Enttäuschung zu Tage.  Ein besonders trauriges Beispiel dieser Kategorie ist für mich BATTLE ROYALE. Wie bei "Kultfilmen" üblich, verbreitet sich ihr Ruf als "Geheimtipp" rasend schnell im WWW und wer sich in seinem Egozentrismus dazu versteigt zur Cineasten-Avantgarde zählen zu wollen, muss auf den fahrenden Zug aufspringen. Nach langem Zögern erlag auch ich der Versuchung. 
Ich weiß nicht ob sich noch alle daran erinnern, aber damals als BR in Deutschland veröffentlicht wurde, kochte das Thema Gewalt an Schulen, aus traurigem aktuellen Anlass, hoch und die üblichen Verdächtigen, gewaltverherrlichende Videospiele, Musik und Filme, zu laxe Waffengesetze, wurden in den Leitmedien an den Pranger gestellt. Die Sensorik von FSK und USK war entsprechend des aufgeregten gesellschaftlichen Diskurses besonders sensibilisiert. Schüler die Schüler auf möglichst abwechslungsreiche Weise abschlachten, dieses Werk hatte allein aufgrund seiner Thematik, unabhängig vom tatsächlich dargestellten Gewaltlevel, keine Chance auf Gnade in den Gremien der Filmwächter. So gelangte zunächst nur eine stark verstümmelte DVD auf den deutschen Markt, bevor dann (beinahe unbemerkt) eine juristisch geprüfte Uncut-Fassung nachgeschoben wurde. Als mündiger Bürger wollte ich mir natürlich eine eigene Meinung bilden und beschaffte mir deshalb diese zweite Fassung. 


Der geradezu legendäre Ruf der BR vorauseilte ließ meine Erwartungen entsprechend in die Höhe schnellen. Der Film solle, so hieß es, neben seiner großartigen Action einen kritischen Diskurs über Gewalt anstoßen und auch kinematographisch voll überzeugen, also ein von spießigen Bildungsbürgern verkanntes Meisterwerk. 
Doch wie das so ist mit Kultfilmen, allzu oft können sie den aufgetürmten Erwartungen nicht standhalten. So auch in diesem Fall, denn das was ich dann zu sehen bekam, war weit davon entfernt das Meisterwerk zu sein, welches mir zuvor in den einschlägigen Film-Foren versprochen wurde.         
Ganz im Gegenteil. Meiner Meinung nach ist BR ein übles Machwerk, das vollständig auf den billigen Effekt setzt und den kritischen Diskurs über das Thema Gewalt in der Schule, Gewaltmonopol des Staates, verrohte Gesellschaft und Jugend, nur vorheuchelt. Dies ist nichts als Exploitation, die das ernste Thema für seine kommerziellen Zwecke, den inszenierten Skandal instrumentalisiert. Ich empfinde dies als geradezu ekelhaft. 

Battles Without Honor and Humanity

Regisseur Kinji Fukasaku hatte zu seiner Glanzzeit einige Klassiker des Yakuzafilms geschaffen, hier ist vor allem BATTLES WITHOUT HONOR AND HUMANITY zu nennen, doch anscheinend waren seine handwerklichen Fähigkeiten (krankheitsbedingt?) während der Dreharbeiten von BR schon merklich eingeschränkt. Die Inszenierung des Films präsentiert sich zwar durchaus mit routinierter effektvoller Lässigkeit, kann aber nicht an die Qualität seiner Werke aus den 1970er Jahren heranreichen. Abgesehen von der lauwarmen Kinematographie, zieht sich die Handlung furchtbar zäh und schleppt sich (bis auf einzelne inszenatorische Glanzlichter, z.B. die Leuchtturmszene!) von trashiger Gewaltszene zu Gewaltszene. Auch das schrecklich überzogene Spiel der jugendlichen Laien-Darsteller kann, mit wenigen Ausnahmen, das Niveau einer Schulaufführung nicht übertreffen. Zumindest die im Soundtrack zum Einsatz gekommene - das Gesehene qualitativ weit überragende - klassische Musik bietet einige Höhepunkte für das Ohr.


Nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht, ich habe nichts gegen Exploitation, vor allem wenn sie nicht vorgibt mehr zu sein als pure Unterhaltung (z.B. OKAMI-Reihe) oder künstlerisch so gelungen mit dem Arthouse-Kino verschränkt wird wie in den SASORI-Streifen.  
Vielleicht begründet sich meine tiefe Enttäuschung über diesen berüchtigten "Kultstreifen" zu einem guten Teil aus dem Kontrast zwischen dem begeisterten Ruf der BR vorauseilt und dem tatsächlichen individuellen Filmerlebnis, welches ich dann "genießen" musste.
Ein gewisser amerikanischer Kultregisseur nennt BATTLE ROYALE den besten Film der letzten 20 Jahre. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf den Filmgeschmack des Flickenteppichkönigs des Kinos, der mit seiner Zitat-Hölle KILL BILL versuchte seinen (großteils asiatischen) Vorbildern des Exploitation-Kinos ein Denkmal zu setzen.

Übrigens, ich halte Tarantinos KILL BILL, abgesehen von seinen deutlich höheren inszenatorischen Qualitäten, für weitaus ehrlicher als BR, da er nie behauptet mehr zu sein als pure Unterhaltung und ist für mich damit folgerichtig auch der überzeugendere Film.
Wie man hört soll es aber demnächst eine auf 3D aufgepumpte Neufassung von BATTLE ROYALE geben. Die Kuh ist also noch nicht vom Eis...


Titel: Batoru rowaiaru - Battle Royale
Regie:
Kinji Fukasaku
Entstehungsjahr: 2000
Länge: 113 Minuten KC / 121 Minuten DC
DVD:
Marketing Film
Ton: Japanisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch

Montag, 18. Oktober 2010

UMARETE WA MITA KEREDO – Ich wurde geboren, aber… (9,5/10)

Yasujiro Ozu (1903-1963)

Wenn man im Westen von den großen Drei des klassischen japanischen Kinos spricht, wird sich im Allgemeinen auf Kurosawa, Mizoguchi und Ozu bezogen. Akira Kurosawa wurde verkürzt vor allem als der Regisseur dynamischer Samuraiepen wahrgenommen. Kenji Mizoguchi galt als der Meister des Gefühlskinos, des emotionalen Frauendramas. Und im Schatten der Zwei, mit einiger Verspätung, erlangte Yasujiro Ozu mit der strengen Stilistik seiner ruhig erzählten, im Umfeld der japanischen Familie angesiedelten Alltagsgeschichten Bekanntheit. 


Während Kurosawa und Mizoguchi seit den 1950er Jahren, um die Gunst des weltweiten Kinopublikums buhlten und auf den großen europäischen Filmfestivals zahlreiche Preise einsammelten, blieb Ozu eher zurückhaltend im japanischen Markt verhaftet. Er war daher der letzte der Drei, dessen Werk von westlichen Cineasten für sich entdeckt wurde. Heute wird Ozu von Kennern jedoch als der vielleicht größte Stilist, den das japanische Kino je hervorgebracht hat gefeiert. Und dennoch, auch weiterhin gilt, dass für einen heutigen Kinogänger der Zugang zu seinem Werk, unter den 3 genannten Regisseuren, am Schwersten fällt. Dies liegt zum einen natürlich an der Wahl seiner Filmsujets, die sich allesamt eher mit unspektakulären alltäglichen Familiengeschichten befassen. Aber dieser Umstand lässt sich gerade auch mit der hoch gelobten Stilistik Ozus begründen, die die modernen Sehgewohnheiten, etwa hektisches Schnittgewitter und frei im Raum herumwirbelnde Wackelkameras, geradezu konterkariert. Ozus Kamera wirkt statisch, bleibt auf der niedrigen Ebene einer sitzenden Person, so dass der Zuschauer die Perspektive eines stumm im Raum anwesenden Beobachters einnimmt, als sei er ein Ujigami, der die Geschicke der Hausbewohner verfolgt. Näheres zu seiner Stilistik  wurde aber schon anderswo besser und ausführlicher geschrieben.


Bisher kannte ich nur Ozus Nachkriegswerk, in dem sein Personalstil schon einen hohen Grad an Perfektion erreicht hatte. Hier ist besonders BANSHUN (1949) und TOKYO MONOGATARI (1953) hervorzuheben, die mich in ihrer ruhigen Ästhetik und strengen Stilisierung beeindruckten. Deshalb respektierte ich Ozu zwar als einen der großen japanischen Regisseure, ohne ihm aber dieselbe Begeisterung entgegenzubringen, wie ich sie seit meinem aller ersten seiner im TV gesehenen Filme (war es RASHOMON, UZALA oder DIE SIEBEN SAMURAI? Mein kindliches Erinnerungsvermögen trügt da etwas.) Kurosawa gegenüber empfinde. 


Ohne rechten Enthusiasmus, mit der Disziplin eines dem japanischen Kinos verpflichteten Cineasten, schaute ich mir also ICH WURDE GEBOREN, ABER… an, meinen bisher frühesten und einzigen Vorkriegs-Ozu. Und, was soll ich sagen, der Film schaffte es mich vollkommen zu überraschen. Ozu transportierte hier einen Humor und genau getimten Witz, wie ich es ihm, angesichts seines ernsten Alterswerks, nie und nimmer zugetraut hätte. Natürlich finden sich auch schon hier typische Elemente seiner Nachkriegsfilme, die offenen Sichtachsen innerhalb der japanischen Häuser, die personalisierte Kameraposition, doch demonstriert er noch eine spielerische Experimentierfreude, zeigt dynamische Kamerafahrten (z.B. aus der Sicht eines Radfahrers), dass ich mich mit einem Blick auf die DVD-Hülle nochmals versichern musste einen Ozu-Film eingelegt zu haben. Eine weitere Besonderheit ist die Tatsache, dass dieses Werk  aus dem Jahr 1932 noch ohne Ton abgefilmt wurde. Dabei wirkt der Film ansonsten sehr modern, vor allem in seiner lebendigen frischen Figurenzeichnung fühlte ich mich zuweilen an den Neorealismus des italienischen Nachkriegskinos erinnert, weit entfernt von dem Klischee des übertrieben theatralischen Stummfilms. 


Ozu drehte seinen ersten Tonfilm erst 1936, als in Amerika und Europa schon längst die Ära des Stummfilms zu Grabe getragen worden war. Die Gründe für diese Verweigerung der neuen Technik liegen aber nicht (ausschließlich) in einer konservativen künstlerischen Einstellung Ozus oder technischer Rückständigkeit der japanischen Filmindustrie begründet, sondern in der beim Publikum besonders beliebten Tradition des Filmerzählens, die den Rang einer eigenen Kunstform annahm. Neben der Leinwand standen professionelle Benshi, die die Handlung in ausdruckstarker Weise wieder gaben, die Schauspieler Live synchronisierten. Zu Beginn des Tonfilmzeitalters gab es in Japan gemeinsame Proteste von den in eigenen Gewerkschaften organisierten Filmpianisten und Erzählern. Ein hoffnungsloses Unterfangen. In Reaktion auf die Streiks stellten die Kinos ihre Technik einfach schneller auf den Tonfilm um (Akira Kurosawas arbeitslos gewordener älterer Bruder Heigo, ein bekannter Benshi, beging daraufhin 1933 Selbstmord.) 


Der Angestellte Yoshii zieht mit seiner Familie in einen Außenbezirk von Tokyo. Er erhofft sich durch die größere Nähe zu Arbeitsplatz und Direktor berufliche Vorteile. Seine beiden Söhne, Ryoichi und Keiji (ca.10-12 Jahre alt), müssen sich in dem neuen Viertel erst zurechtfinden. Sie geraten rasch in Streit mit einer Bande von Nachbarskindern. Nachdem sie anfänglich vergeblich versuchen dem Problem aus dem Weg zu gehen, sie schwänzen sogar die Schule, gelingt es ihnen den groben Anführer mit Hilfe des jungen Milchmanns zu bezwingen. Von da an sind sie die neuen „Herren“ des Viertels und führen die Schar der Kinder an. Ein Mitglied der Bande ist der Sohn des Direktors der Firma in der ihr Vater arbeitet. So wird auch der neue Freundeskreis der beiden Brüder zur Filmvorstellung eines vom Direktor gedrehten Amateurstreifens eingeladen. Als Ryoichi und Keiji auf der Leinwand  Yoshii entdecken, wie er alberne Grimassen schneidet, um dem Direktor gefällig zu sein, flüchten sie entsetzt nach Hause. Sie schämen sich tief für ihren Vater, der doch zuvor ihr großes Vorbild gewesen war. Wie kann er sich nur vor dem Direktor derart klein machen? Sie treten in einen „Hungerstreik“, da sie nicht von dem schmutzigen Geld ihres Vaters profitieren wollen. Nach einer Nacht wilden Protests gelingt es Yoshii aber das Eis zu brechen. Widerstrebend beginnen die Brüder zu begreifen, dass es im Leben Situationen gibt, in denen man sich Hierarchien unterordnen muss, dass ihr Vater, um seine Familie zu Ernähren, um seinen Söhnen eine bessere Zukunft zu sichern, sogar bereit ist sich offen zu erniedrigen.       


Gerade in der Darstellung des ruppigen Alltages der Kinder, in den vielen humorvollen Details, wie den auf den Köpfen zwischengelagerten "Pausenbroten", dem morbiden "Beerdigungsspiel", der ritualisiert nachträglichen Schließung des "Hosenstalls" und ähnlich liebevollen Einschüben, gewinnt der Film eine mitreißende erzählerische Kraft. Auch die lebendige Figurenzeichnung begeistert mich und beweist Ozus große Menschenkenntnis. Die Charakterisierung der beiden Brüder sticht hier besonders positiv hervor. Ozu verdeutlicht z.B. die klare Rangordnung ihrer Beziehung, indem er den Jüngeren, bis hin zur Parodie, ständig das Verhalten des ein oder zwei Jahre älteren Bruders kopieren lässt.  


Ozu gibt der Handlung, durch die freiwillige Erniedrigung des Vaters, eine deutlich sozialkritische Note, legt die starre Gesellschaftsstruktur offen, die den Einzelnen zwingt sich in einer Hierarchie einzuordnen. Dabei geht seine Kritik aber nicht soweit, dass er etwa radikal revolutionäre Lösungen einfordern würde. Im Gegenteil, die im Streit mit den Nachbarskindern ausgeübte Gewalt, wird in der Welt der Erwachsenen als mögliche Konfliktlösung bewusst verneint. Gewalt ist nach Ozus Auffassung kein Mittel die kleinen und großen Ungerechtigkeiten zu ändern. Er entwirft stattdessen, durch das Propagieren von Bildung als einzige adäquate Lösung, ein auch heute noch geradezu klassisches sozialdemokratisches Modell. Aufstieg durch Bildung, die Überwindung gesellschaftlicher Schranken durch den gemeinsamen Schulbesuch von Kindern aus allen Schichten. In so fern ist ICH WURDE GEBOREN, ABER… in seiner Botschaft geradezu erschreckend modern.


Fazit:
ICH WURDE GEBOREN, ABER... ist mit Abstand mein neuer Lieblings-Ozu. Vor allem die lebendige Charakterzeichnung und der erfrischende Humor des Filmes haben mich begeistert. Von meiner ursprünglichen Skepsis gründlich geheilt, werde ich mich nun auf die Suche nach weiteren Ozu-Werken der Vorkriegszeit begeben. Schade, dass ein Großteil seines Frühwerkes als verschollen gelten muss. 


Titel: Umarete wa mita keredo - Ich wurde geboren, aber...
Regie:Yasujiro Ozu
Studio: Shochiku Films Ltd.
Entstehungsjahr: 1932
Länge: 100 Minuten
DVD: Trigon-Film R2
Untertitel: Deutsch

Neukomponierte Begleitmusik: Christoph Baumann, Isa Wiss, Jacques Siron, Dieter Ulrich